Als der Zug beim Grafen hielt

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1870 – Ein Zug fährt in den Ahrensburger Bahnhof ein Foto: Stadtarchiv Ahrensburg
 
Die Postkarte aus dem Jahr 1900 zeigt den Sonderzug des Kaisers Foto: Stadtarchiv Ahrensburg

Vor 125 Jahren erweckte Bahnhofsbau die Stadt Ahrensburg zum Leben. Ein Rückblick

Von Christina Schlie
Ahrensburg
Der 1. August 1865 war ein bedeutender Tag für den Ort Woldenhorn. Am neuen Bahnhof des Ortes und entlang der Gleise drängten sich Menschen aus den umliegenden Ortsteilen Bünningstedt, Timmerhorn und Ahrensfelde. Die erste Fahrt der Lübeck-Büchener-Eisenbahn zwischen Hamburg und Lübeck stand bevor. 30 Jahre vorher fuhr in Deutschland die erste Eisenbahn von Nürnberg nach Fürth. Der neu gebaute Bahnhof lag außerhalb des Ortes, auf dem Gelände, das zum Gutshof von Graf Schimmelmann gehörte. Schloss und Gut hießen seit jeher Ahrensburg, und so erhielt auch der Bahnhof diesen Namen. Der neue Bahnhof war ein imposantes Gebäude, eigentlich zu groß für eine unbedeutende Zwischenstation wie Ahrensburg, sagt Henning Penther, seit 17 Jahren ehrenamtlicher Mitarbeiter im Ahrensburger Stadtarchiv. Doch das Empfangsgebäude diente gleichzeitig als Zollstation. Dänemark und die Hansestädte schlossen 1857 einen Vertrag, der die gesamte Strecke als Zollausland auswies. Sobald Waren das dänische Hoheitsgebiet verließen, mussten sie sich einer Zollrevision unterziehen. Zu diesem Zweck verfügten die Bahnhöfe über Zollbüros und Wohnungen für die Zollbeamten. Gleiches galt für die anderen Zwischenstationen in Bad Oldesloe, Bargteheide, Reinfeld und Wandsbek. Die Eisenbahngesellschaft hatte alle Gebäude nach einen Standardplan für den Bahnhofsbau entwerfen lassen. „Mit dem neuen Bahnhof erwachte der Ort aus seinem Dornröschenschlaf“, sagt der Hobby-Archivar.
Der Zustand der Straßen war schlecht. Für die 65 Kilometer lange Strecke von Hamburg nach Lübeck benötigte der Postillion damals 13, im Winter sogar 20 Stunden. Jetzt war die Strecke in 90 Minuten zu schaffen. Anfangs verkehrten täglich vier Züge in jeder Richtung. Nicht nur Waren und Güter wurden transportiert, auch der Personenverkehr wurde von immer größer werdender Bedeutung. Immer häufiger besuchten Ausflügler den Ort, um die Natur jenseits der Hansestädte zu genießen und Kaffee zu trinken. Heute steigen an einem Tag knapp 8.500 Menschen am Ahrensburger Bahnhof ein und aus. „Die Nachfrage ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen“, sagt Sven Ostermeier, Mitarbeiter in der Verkehrserhebung des Nahverkehrsverbundes Schleswig-Holstein. Um 52 Prozent gegenüber dem Jahr 2000. Den Bau der neuen Bahnlinie nutzten viele Ahrensburger, um Hotels und Gaststätten zu bauen. Fünf große Säle gab es zu dieser Zeit in Ahrensburg. Über die Grenzen bekannt wurde der „Lindenhof“, als beliebtes Ausflugslokal mit Kegelbahn und Saal. Die Bahnlinie zerschnitt auch den Ort. Die neuen Gleise zogen eine soziale Grenze durch Ahrensburg. Der Bahnhof besaß neben dem Empfangsgebäude einen Güter- und einen Lokschuppen. Damals konnte eine Lok zwischen 20 und 30 Kilometer fahren, bevor sie ausgetauscht werden musste. Brennstoff und Wasservorrat waren verbraucht. Neben dem Bahnhof befand sich bis in die 1960er Jahre ein Wasserturm als Speicher. Auf der Strecke Lübeck Hamburg wurden die Lokomotiven in Ahrensburg und in Bad Oldesloe gewechselt. Eine Reise mit der Eisenbahn war stets ein Abenteuer. Die Bahnreisenden trafen sich oft schon eine Stunde vor Abfahrt auf dem Gleis, um sich nach einer Reisegesellschaft umzusehen.
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