Der Letzte seiner Art

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Auch das gehört zu seinen Aufgaben: Rainer Fehrmann auf Laufveranstaltungen wie hier beim Wasa-Lauf den Startschuss. Foto: jae

Rainer Fehrmann ist Bürgerworthalter

Bad Oldesloe. Es ist früher Morgen, kurz nach acht Uhr. Eine halbe Stunde noch, dann wird Rainer Fehrmann zu Hause in Bad Oldesloe abgeholt. Beim Arbeitsgericht in Lübeck hat der Diplom-Betriebswirt in seiner Eigenschaft als Vorstandsvorsitzender des St.-Jürgen-Hospitals einen Besprechungstermin. Nach seiner Rückkehr will er noch eine Rede schreiben. Die hält er demnächst anlässlich eines 40-jährigen Firmenjubiläums.
„Mein Aufgabengebiet ist vielfältig, ich mache alles selber“, sagt Rainer Fehrmann. Der 61-jährige CDU-Politiker, der vor vielen Jahren mit Schleswig-Holsteins Innen-Staatsrat Volker Dornquast (Henstedt-Ulzburg) eine Schulbank drückte, ist seit 2008 der Bürgerworthalter von Bad Oldesloe. Während Alteingesässige wissen, wer ihnen auf der Straße begegnet, steht Neubürgern bei diesem Begriff häufig ein Fragezeichen ins Gesicht geschrieben. Das ist auch kein Wunder, da diese Bezeichnung für das Amt des Stadtpräsidenten oder Bürgervorstehers in Deutschland heute nur noch für Stormarns Kreisstadt bekannt ist und lediglich durch eine Ausnahmeregelung in der Gemeindeordnung zugelassen ist.
Rainer Fehrmann hat tatsächlich das Wort in der Stadtverordnetenversammlung. „Ich kann jemandem das Wort geben oder es ihm wieder wegnehmen“, sagt er. „Ich darf bestimmen, wer reden darf oder einem anderen das Wort erteilen.“Der Begriff „Bürgerworthalter“ hat in Deutschland eine lange Tradition. Anfang des 17. Jahrhunderts gab es diesen Ehrenamt-Job zum Beispiel in Kiel und Wismar (Dokument Kiel 1645: „Die 16 Männer und Bürgerworthalter als Vertreter der Bürgerschaft, ernannt vom Rat, lebenslange Amtszeit“).
Für Oldesloe war ein solcher erstmals 1850 nachgewiesen. Seit diesem Jahr ist hier die Bezeichnung „Bürgerworthalter“ üblich, und von ihr haben im Gegensatz zu allen anderen Städten und Gemeinden in Deutschland die Oldesloer nicht mehr lassen wollen. Unterbrochen durch die NS-Zeit und den 2. Weltkrieg, ermöglichte es erst 1950 die neue Gemeindeordnung für Schleswig-Holstein, den alten Zustand wieder herzustellen. Seit vier Jahren ist Rainer Fehrmann der Worthalter für alle Bürger in Bad Oldesloe. Doch im Jahr 2013, wenn die nächsten Kommunalwahlen anstehen, will er sich von diesem Ehrenamt zurückziehen. „Es ist eher unwahrscheinlich, dass ich den Job weitermache“, sagt er. „Wer die politische Szene in unserer Stadt kennt, dieses ständige Beißen und Stechen, der wird mich verstehen. Aber ich bin stolz, dass ich immer noch der erste Repräsent unserer Stadt sein darf.“ (jae)
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