Für eine Stunde 70 Jahre alt

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Die Verwandlung liegt in den letzten Zügen. Die Kopfhörer und die beschlagene Brille ermöglichen es, die Sichtweise eines älteren Menschen einzunehmenFotos: cs
 
Kleckerfrei Wasser trinken ist für die Reporterin fast unmöglich

Reporterin Christina Schlie machte mit Alterssimulationsanzug den Selbstversuch

Bargteheide. Wie fühlt es sich an, alt zu sein? WochenBlatt-Reporterin Christina Schlie machte den Selbstversuch und schlüpfte mit „GERT“, einem Alterssimulationsanzug, in den Körper einer 70-Jährigen. Hier ihr Bericht:
Was sind die typischen Schwierigkeiten älterer Menschen und wie sehr schränken diese das alltägliche Leben ein? Ich bin 43 Jahre alt, vorwiegend beschwerdefrei und durchschnittlich fit, doch in nur zwei Minuten werde ich um gut 30 Jahre altern. Da ich diese Verwandlung nicht allein schaffe, hilft mir Petra Wulff, Leiterin der Altenpflegeschule in Bargteheide. Normalerweise wird „GERT“ dazu genutzt, angehenden Pflegeschülern zu verdeutlichen, mit welchen Beschwerden und Einschränkungen ihr Gegenüber zu kämpfen hat.

Schwere Westen und
zuckende Handschuhe

Dass das Alter kein Zuckerschlecken ist, merke ich schon, als Petra Wulff mir als erstes eine zehn Kilo schwere Bleiweste überzieht. Es sieht ein wenig so aus, als würde sie mich für einen Kampfeinsatz rüsten. Doch diese Weste dient dazu, dass ich nachempfinden kann, wie mühsam und beschwerlich die Bewegungen im Alter sind. Ich ahne schon, dass das auf Dauer sehr anstrengend wird. Mit der Weste nicht genug, bekomme ich Gewichtsmanschetten an Armen und Beinen. Meine Knie- und Ellenbogengelenke werden ebenfalls durch Bandagen eingeschränkt, die Halskrause verdeutlicht die mangelnde Beweglichkeit der Halswirbelsäule.
Dies alles strengt zwar an, doch noch komme ich mit den Gewichten gut klar. Schließlich stehe ich bislang ja auch nur rum. Was nun folgt hat dagegen schon eine andere Qualität. Die Schallschutzkopfhörer nehmen mir in großen Teilen mein Gehör, und sofort fühle ich mich isoliert. Wenn Frau Wulff mit mir spricht, bekomme ich das nur mit, wenn sie direkt vor mir steht und mir erkenntlich macht, dass sie mit mir redet.
Ein Potpourri an verschiedenen Brillen, soll mir zusätzlich die unterschiedlichen Augenerkrankungen des Alters buchstäblich vor Augen führen. Ich entscheide mich für das Modell „Diabetes“, bei dem durch das Ablösen der Netzhaut die Seh-
fähigkeit eingeschränkt wird. Nun bin ich körperlich schon sehr belastet, kann kaum hören und fast gar nichts sehen. Das Highlight meiner Verwandlung bewahrt sich Petra Wulff bis zum Schluss auf. Handschuhe, über die Strom geleitet wird, verursachen unkontrolliertes Zucken in meinen Händen und Armen. Nun leide ich auch noch an dem typischen Zittern eines Parkinsonkranken.

Schlurfender Gang beim Treppen steigen
Fertig verwandelt mache ich mich als erstes auf zum Treppensteigen. Schon bei den ersten Schritten fällt auf, ich hebe meine Knie nicht mehr richtig, fange somit an zu schlürfen und bekomme den typischen Altersgang. Das Gewicht der Weste macht, dass ich viel gedrungener gehe. Durch mein mangelndes räumliches Sehen und vermindertes Hören macht sich sofort Unsicherheit in mir breit. Vorsichtig ertaste ich jede Stufe und halte mich am Geländer fest, um nicht zu fallen. Bei ersten Mal Rauf und Runter, schaffe ich durch meine Kondition die Strecke noch ganz gut. Je häufiger ich laufe, desto kurzatmiger werde ich. Durch das Treppensteigen durstig geworden, versuche ich, ein Glas Wasser zu trinken.
Das Zittern, was wirklich unangenehm ist, verhindert, dass ich diese Aufgabe kleckerfrei bewältige. Weitere Schwierigkeiten bestehen darin, kleine Dinge vom Boden aufzuheben oder das Kleingedruckte auf den Lebensmitteln zu lesen. Als nach einer guten Stunde mein Selbstversuch vorbei ist und „GERT“ wieder im Koffer liegt, bin ich froh, dass meine Reise in die Zukunft zu Ende ist. Trotzdem möchte ich diese Erfahrungen nicht missen. Sehe ich demnächst im Supermarkt eine Omi sich nach etwas bücken, werde ich ihr bestimmt meine Hilfe anbieten! (cs)
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