Genießen und verstehen

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Julia Becker-Birck mit ihren Töchtern Marleen (5) und Janne (7) Foto: cs

Adventsbacken bei der neu initiierten Zöliakie-Gruppe in Bargteheide

Von Christina Schlie
Bargteheide
Der Duft nach Keksen durchzieht die Räume der Carl-Orff-Schule an der Segeberger Straße 1. In der Schulküche stehen Kinder und kneten eifrig ihren Teig, stechen Plätzchen aus und schieben die Bleche in den Backofen. Kekse backen gehört zur Vorweihnachtszeit wie Adventskranz und Kerzenschein. Nichts Außergewöhnliches, wäre das Weihnachtsbacken nicht eine Aktion der Deutschen Zöliakie Gesellschaft. Die Kinder, die so emsig mit ihrem Weihnachtsgebäck beschäftigt sind, leiden an Zöliakie. Eine chronische Erkrankung des Dünndarms, von der in Deutschland rund 800.000 Menschen betroffen sind. Der Teig für die Weihnachtsplätzchen ist mit glutenfreiem Mehl hergestellt. Ebenso das Brot und die Laugenstangen, die im Backofen bräunen.
„Frisch gebacken schmeckt das Brot hervorragend“, sagt Sabine Jochen. Die 50-Jährige lebt seit elf Jahren mit Zöliakie. Seit die Mutter einer 13-jährigen Tochter ihre Ernährung auf glutenfreie Kost umgestellt hat, hat sie deutlich an Lebensqualität gewonnen. Viele Jahre plagten sie Bauchschmerzen, Müdigkeit und Durchfall, bis endlich ein Arzt per Blutuntersuchung die Krankheit benennen konnte. Ähnlich ging es auch der fünfjährigen Marleen. Erst seit einem halben Jahr weiß ihre Mutter Julia Becker-Birck, was ihrer Tochter fehlt. Marleen war immer kränklich, litt unter Wachstumsstörungen und Bauchschmerzen. „Wir haben die Ernährung komplett umgestellt, doch bis sich ein erkrankter Darm erholt, dauert es Monate.“
Was so einfach klingt, ist für jede betroffene Familie eine Herausforderung. Schon ein Krümelchen Gluten kann einen Autoimmunerkrankten für Wochen außer Gefecht setzen. Für Familie Becker-Birck, wo Mutter und Tochter sich glutenfrei ernähren müssen, bedeutet das in der Küche eine logistische Meisterleistung. „Nach der Diagnose haben wir unsere Küche umgerüstet und einen glutenfreien Arbeitsplatz eingerichtet“, sagt Julia Becker-Birck. Holzlöffel, Schneidebrett, Küchenmaschine oder Plastikdose werden nur für glutenfreies Essen verwendet. Hinzu kommt, dass eine Ernährungsumstellung für die Betroffenen eine finanzielle Belastung darstellt. „Ein Paket glutenfreies Mehl kostet zirka vier Euro“, so Sabine Jochen. 300 Euro mehr im Monat gibt Julia Becker-Birck für die besondere Ernährung aus.
Das Problem der Krankheit ist ihre große Vielfältigkeit. „Kaum ein Krankheitsfall ist gleich“, sagt Salome Kulow. Die Bargteheiderin hat einen zehnjährigen Sohn, der auch unter der Autoimmunerkrankung Zöliakie leidet. Sie hat sich der Deutschen Zöliakie Gesellschaft angeschlossen und eine Gruppe in Bargteheide ins Leben gerufen. Dort finden Betroffene Rat und können sich austauschen. Auch das Weihnachtsbacken geht auf ihre Initiative zurück.
Zöliakie ist keine Modeerscheinung oder Lifestyle. „Oft werde ich als hysterische Mutter abgestempelt“, sagt Julia Becker-Birck, dabei ginge es ihr nur um die Gesundheit ihrer Tochter. Für ein kleines Mädchen sei es schwierig, mit einer Sonderrolle umzugehen. Wenn es im Kindergarten Buffet gibt, mag die Fünfjährige nun nicht mehr teilnehmen. Zum Kindergeburtstag will sie nicht gehen, da sie ihr eigenes Essen mitbringen muss. Auch Lena Jochen hat niederschmetterndes erlebt: „Am Frankreichaustausch durfte ich als Einzige aus der Klasse nicht teilnehmen“, sagt die 13-Jährige. Gemeinsame Erlebnisse genießen, Erfahrungen teilen – einmal im Monat trifft sich deshalb jetzt die Zöliakie Gruppe im Kinderhaus Blauer Elefant (Alte Landstraße 53).

Weitere Infos unter 0151/43 14 00 85
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