In der Kunst auch der dunklen Seite Raum geben

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Sigrid Schenkenberg vor ihrem Bild „Locker vom Hocker“. In den bunten Blasen gibt es Worte und Zeichnungen Fotos: Keil
 
„Mensch extrem Nr.1“ malte die Künstlerin im Mai 2009

Sigrid Schenkenberg fand nach einer Lebenskrise zur Malerei. Die Ahrensburger Stadtbücherei zeigt ihre Werke

Von Manuela Keil
Ahrensburg. „Jetzt empfinde ich das Leben zeitweise als schön“, sagt Sigrid Schenkenberg. Doch ihre Krise führte sie zur Kunst, heute malt sie ausdrucksvolle Bilder.

„Damals gab es keine Freude.“ Damals, das war vor 14 Jahren. Sigrid Schenkenberg fiel nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes in eine schwere Depression. Diese wurde jedoch zunächst nicht erkannt. Mehrere Ärzte hielten die Symptome für Ausdruck ihrer Trauer.
Für die tatkräftige Frau, die mit 40 Jahren Witwe wurde, begann eine lange Leidenszeit, mit sechs Jahren Dunkelheit. Sie erlebte unzählige Klinikaufenthalte und Probleme bei der Medikamenteneinstellung. Erst das 13. Medikament half ihr wirklich. Deshalb verwundert es, wenn Sigrid Schenkenberg ihre Geschichte als Mutmachergeschichte beschreibt.
Der Weg aus der Dunkelheit begann mit einem Bild, das sie 2003 in der Tagesklinik malte. Es zeigt ein vergittertes Fenster mit Fensterladen inmitten eines roten Mauerwerks.
Nach einigen Versuchen mit dem Abmalen von Postkartenmotiven und anderen Vorlagen, begann die heute 54-Jährige sich freizuschwimmen. Sie schuf eigene Werke, experimentierte zunehmend mit Techniken und Materialien, wagte sich schließlich an Collagen und macht seit kurzem Skulpturen.

Teils verstörende Motive

„Jeder Mensch hat eine dunkle und eine helle Seite. Und Kunst, insbesondere Malen, ist in unserer Gesellschaft akzeptiert“, sagt Schenkenberg. So werde auch akzeptiert, wenn Bilder ungewöhnliche, sogar negative Inhalte zeigen und damit aufrütteln. „Mir ist lieber, wenn ich den Betrachter provoziere, als wenn ihn meine Bilder langweilen“, sagt sie.
Einige Bilder verstören vielleicht sensiblere Gemüter. So schaut man bei einem ihrer Bilder zunächst auf eine niedliche Katze und entdeckt erst auf den zweiten Blick, dass in der Mausefalle keine Maus, sondern ein Mensch gefangen ist. Oder das Bild mit dem Titel Erziehung. Es zeigt ein Kind, eingezwängt in einer Heringsbüchse. Malte Sigrid Schenkenberg zunächst rein gegenständlich und später dann auch abstrakte Bilder, entdeckte sie zunehmend ihre Freude am Malen von Menschen und Porträts, aber auch an Tieren als Gegenstand ihrer Kunst.

Wütende Gesichter – und auch Hoffnung

Sie zeigt wütende, besorgte, erschreckte Gesichter, beschäftigt sich mit dem Alter und mit der Vergänglichkeit sowie mit der Hoffnung. Als sie 2006 wieder eine besonders schwere Phase in ihrer Krankheit zu bewältigen hat, malt sie ein Bild. Es zeigt das Wort „Ruhe“ in Brauntönen. In jedem Buchstaben des Wortes stehen viele Begriffe, etliche bezeichnen negatives Erleben. „Ich habe mir dabei meinen ganzen Frust rausgeschrieben“, sagt Schenkenberg. Doch ganz zart in Bleistift taucht links das Wort Hoffnung auf. Nach diesem Bild malte sie viele Depressionsbilder, häufig in düsteren Farben. „Das mache ich heute nicht mehr“, sagt die Künstlerin.
Sigrid Schenkenberg, die als Leistungskurs Kunst in der Schule hatte, machte nach dem Abitur eine Ausbildung als Druckvorlagenhersteller und arbeitete einige Jahre in ihrem Beruf. Später war die Mutter eines Sohnes zehn Jahre lang als Bürokraft in der Firma ihres Mannes tätig. Nach seinem plötzlichen Tod erkrankte sie im Jahr 2000 an einer schweren Depression. Sie nahm zwar ein Fernstudium auf und studierte fünf Semester Erziehungswissenschaft und Soziale Verhaltenswissenschaft, musste jedoch ihr Studium wegen der Krankheit abbrechen.

Lernen loszulassen


„Ich musste lernen loszulassen, locker zu sein. Das geht gut in der Kunst“, sagt die Frau, die sich selbst häufig den meisten Druck machte mit ihrem Hang zur Perfektion. Sie habe früh gelernt, dass man Dinge zu Ende führt, auch ein Buch, das einem nicht gefällt zu Ende liest, bevor man ein neues anfängt.
Diese Haltung hat Sigrid Schenkenberg über die Jahre verändert. Heute arbeitet die Malerin gleichzeitig an mehreren Bildern, manche stehen länger, andere bleiben unvollendet. Auch dies erlaubt sie sich mittlerweile. Ein großer, ein wichtiger Schritt. In einem ihrer Fotobücher steht quasi als Motto: „Kunst ist für mich Freiheit, eine Freiheit, die mir gut tut. Alles ist erlaubt.“

„Kunst ist für mich Freiheit,
eine Freiheit,
die mir gut tut“
Sigrid Schenkenberg


Ihre Geschichte macht gerade wegen der jahrelangen Verzweiflung und Tiefpunkte anderen Menschen Mut. Deshalb hält die Autorin und Malerin Vorträge, Zum Thema „Blick in eine verdunkelte Seele“ hält Sigrid Schenkenberg am Donnerstag, 22. August, 19.30 Uhr in der Stadtbücherei einen Vortrag. Eintritt frei.
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