Protest gegen Wohnungsknappheit

Anzeige
Gewerkschafter ließen ein Papphaus zusammenstürzen - Symbol der WohnungsmisereFoto: fnf
 
Carmen Sax suchte neun Monate mit ihrem Sohn eine neue Wohnung, lebte währenddessen in einem ObdachlosenheimFoto: fnf

Ver.di: Vor allem Geringverdiener und Erwerbslose betroffen

Bad Oldesloe. Symbolisch sprengten die Mitarbeiter des
ver.di-Erwerbslosen-Ausschusses vergangene Woche ein Papphaus in die Luft. Mit diesem Akt und einer daran anschließenden Kundgebung auf dem Oldesloer Mühlenplatz wollten sie auf die immer problematischer werdenden Zustände im Wohnungsmarkt aufmerksam machen.
Immer weniger Wohnraum, immer höhere Mieten. Keine guten Voraussetzungen für einen sozialen Frieden, sagen insbesondere Gewerkschafter. Besonders betroffen von der sich immer weiter zuspitzenden Situation auf dem Wohnungsmarkt sind Landkreise wie Stormarn und Segeberg. „Das liegt an der Nähe zu Hamburg“, erklärt Susanne Agne vom Erwerbslosen-Ausschuss. „Die dortige Knappheit an günstigem Wohnraum verlagert sich zunehmend auch in die umliegenden Gebiete.“ In den Kreisen Stormarn und Segeberg ist die Differenz zwischen dem Bedarf und der tatsächlich geleisteten Unterstützung durch den Kreis enorm. So belaufen sich die durchschnittlichen Kosten eines Einpersonen-Haushaltes auf rund 430 Euro für Unterkunft und Heizung. Sie erhalten im Schnitt aber nur 380 Euro an Leistungen. Eine Differenz von
50 Euro, die Aufstocker und Arbeitslose aus ihrem Hartz-IV-Regelsatz beisteuern müssen. Für viele unmöglich. Susanne Agne: „So viele Wohnungen im unteren Preissegment, wie eigentlich benötigt werden, gibt es einfach nicht. Erwerbslose und Geringverdiener müssen daher immer häufiger auf teurere Wohnungen ausweichen und dadurch Zuschüsse aus ihrem ohnehin knappen Hartz-IV-Satz bezahlen.“
Behörden zeigen sich nach Angaben der Aktivisten nur selten einsichtig, trotz Ermessensspielraum. Viele Betroffene scheuen die langwierige Auseinandersetzung mit den Behörden. Und ein Rechtsstreit ist unbezahlbar.
Betroffene brauchen schnelle und unbürokratische Hilfe. Der Ausschuss fordert daher etwa die Erhebung von aussagekräftigen Daten für den aktuellen Wohnungsmarkt, die Erstellung eines Mietspiegels und flächendeckende Angebote auf dem sozialen Wohnungsmarkt. Aktivist Lothar Kolik: „Immer mehr Menschen in unserem Kreis sind ärmer als arm. Ihnen bleibt objektiv sogar noch weit weniger als das gesetzlich zugesicherte Existenzminimum.“ (fnf)

Fallbeispiel: Neun Monate Bleibe gesucht

Bad Oldesloe. „Bei der 50. Wohnungsbesichtigung habe ich aufgehört zu zählen“, erinnert sich Carmen Sax an die schier unendliche Suche nach einer Bleibe. Sie wurde Opfer eines Wohnungsmarktes, der mittlerweile jede soziale Struktur verloren zu haben scheint.
Nachdem ihr ehemaliger Vermieter die Wohnung energetisch sanierte und daraufhin die Miete anhob, saß die Mutter eines schwerbehinderten Sohnes unvermittelt auf der Straße. Hilfe bei Ämtern fand sie keine. Nur mit einem starken Willen hat sie mittlerweile wieder Boden unter den Füßen. „Es gibt einfach keinen Wohnraum für Geringverdiener. Das ist schlimm“, so die ehemalige Ahrensburgerin. Nur einer netten Maklerin und einem langen Atem habe sie es zu verdanken, dass sie wieder eine Wohnung gefunden habe. Und nicht mal diese ist in ihrer Preisklasse. 48 Euro muss die Mutter eines behinderten Sohnes jeden Monat aus ihrem Hartz- IV-Satz zahlen, um die Wohnung behalten zu können. 580 Euro beträgt die Miete in ihrer neuen Wohnung. Der autistische Sohn ist für das zuständige Sozialamt offenbar kein Argument oder Anlass für eine weitergehende finanzielle Hilfe. „Ich weiß nicht, wie lange ich diese zusätzliche finanzielle Belastung durchhalten kann“, sagt Carmen Sax. Sie hat Angst, dass sie mit ihrem Sohn irgendwann wieder auf der Straße sitzt, wenn die Miete steigt. Das war auch damals der Grund für ihre plötzliche Wohnungslosigkeit.
Nach einer Sanierung hatte der Vermieter die monatlichen Kosten angehoben – zu viel für das Sozialamt. Carmen Sax kam für die neun Monate mit ihrem Sohn in einer Obdachlosenunterkunft unter. Für viele, die nicht so einen Kampfgeist haben wie Carmen Sax, ist dort Endstation. „Die eigene Wohnung zu verlieren, ist für die meisten Menschen sehr schlimm. Es ist ein Rückzugsort und vor allem privat. Gerade Zwangsräumungen, in denen massiv in die Privatsphäre eingegriffen wird, sind für die Mieter sehr verstörend“, weiß Beatrice Schmidt. Die Sozialarbeiterin koordiniert die Unterbringung Obdachloser. Derzeit sind es etwa 70 Menschen, die auf ihre Hilfe angewiesen sind. Natürlich hätten viele derer, die sie betreut, schon vorher Probleme. Drogen, Alkohol, Schulden. Aber durch den Verlust der Wohnung kommt noch ein weiteres hinzu. Schmidt: „Manche, die hier jetzt leben, werden wohl auch hier sterben.“ (fnf)
Anzeige
Anzeige
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige