Sorge um Familien

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Ludmilla N. aus Großhansdorf hält eine Fotokopie in die Kamera. Darauf ist ein Mann zu sehen, der zu einer Gruppe Nationalisten gehören soll, der ihren Vater auf der Krim bedrohten Fotos: fnf
 
Yana und Alexander Harder mit ihrem Sohn Taras (5)

Wie Ukrainer aus Stormarn die Krim-Krise sehen

Von Finn Fischer
Ahrensburg. Die Entscheidung ist gefallen: 93 Prozent der Wähler stimmten am vergangenen Sonntag auf der Krim für einen Russland-Beitritt der Halbinsel. Für die Großhansdorferin und gebürtige Ukrainerin Ludmilla N. ist das so erschreckend wie wenig überraschend.
„Das Ergebnis stand schon vorher fest. Wähler wurden eingeschüchtert oder von der Wahl abgehalten“, sagt sie. Ihre Familie ist von dem Konflikt direkt betroffen. Denn Ludmilla N.‘s Vater lebt auf der Halbinsel im Süden der Ukraine. „Diese Leute haben meinen Vater Zuhause mit Kalaschnikows bedroht und seinen ukrainischen Pass zerrissen, damit er bei dem Referendum nicht wählen gehen kann“, so Ludmilla N. „Diese Kriminellen“, so die Großhansdorferin, die ihren vollen Namen nicht nennen möchte, „sind von Russland aus mit Bussen in die Ukraine gebracht worden, um die Wahl zu beeinflussen.“

Umstrittenes Referendum

Zum Interview-Termin hat sie mehrere Fotos mitgebracht. Das eine zeigt einen Mann mit einem auf die Brust tätowierten Hakenkreuz. „Darunter steht in kyrillischer Schrift ‚Rus‘, die Abkürzung für Russland.“ Bei der Person soll es sich um einen Passagier der Busse handeln, die vor dem Referendum Unruhe stiften sollten.
National wie international ist das Referendum umstritten. Die USA und die Europäische Union bekräftigten mehrfach, das Ergebnis nicht anzuerkennen. Die Wahl sei ein Verstoß gegen die ukrainische Verfassung und das Völkerrecht. Es gibt Beratungen über den Ausschluss Russlands aus dem Zusammenschluss G8 und über wirtschaftliche Sanktionen. Am vergangenen Montag beschloss Brüssel ein EU-Einreiseverbot von 21 regierungsnahen Russen. Am selben Tag stimmte Putin dem Vertrag über den Anschluss der Krim an Russland zu.

Angespannte Stimmung

Davon geschockt ist auch Yana Harder, die seit zehn Jahren in Deutschland lebt, aber noch enge Verbindung in ihre Heimat hat. Mitte Februar reiste sie für zehn Tage in die Ukraine.
„Ich habe mein Land nicht wieder erkannt“, berichtete sie. „Die Stimmung zu Hause ist angespannt. Ich frage meine Eltern nicht mehr, ob alles gut ist. Denn das ist es nicht.“ Auch für ihren Mann Alexander Harder war es nur schwer zu ertragen, was in dem Heimatland seiner Frau passiert. „Das Referendum ist eine Farce. Es sind keine Wahlbeobachter zugelassen. Das spricht schon für sich“, sagt er. Das Handeln des russischen Präsidenten verstoße eindeutig gegen die Menschenrechte, so die Ukrainerin, das müsse Sanktionen nach sich ziehen.

Wer interveniert?

Ludmilla N.: „Wenn Wladimir Putin merkt, wie einfach es ist, in einen souveränen Staat einzumarschieren, wird er nach der Krim nicht Halt machen. Davor haben wir am meisten Angst.“
Eigentlich hatte Russland die bislang bestehenden Grenzen zur Ukraine anerkannt. In dem sogenannten Budapest-Memorandum von 1994 erklärte sich die Ukraine bereit, ihre Atomwaffen an Russland abzugeben. Damals verfügte das Land über die drittgrößte Anzahl an nuklearen Sprengköpfen auf der Welt. Im Gegenzug sollte Russland die Grenzen anerkennen – auch die Zugehörigkeit der Krim zur Ukraine. Nun scheint alles vergessen. „Putin hat uns betrogen“, sagt Ludmilla N. Hoffnung legen viele nun in eine mögliche amerikanische und europäische Intervention. „Wir wünschen uns von Angela Merkel, dass sie das was sie verspricht, auch umsetzt. Das ist wichtig für Europa. Die Bundeskanzlerin hat einen guten Draht zu Wladimir Putin“, so der Eindruck von Ludmilla N. „Wie Europa auf die russischen Gaslieferungen angewiesen ist, ist auch Putin auf die wirtschaftlichen Beziehungen mit Europa angewiesen.“
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