Wandel des Poesiealbums

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Marianne Lentz beim Blättern in ihrem eigenen Poesiealbum Foto: bm

Schau im Dorfmuseum zeigt Exemplare vom 19. Jahrhundert bis heute

Von Birgit Maurer
Hoisdorf
Marianne Lentz blättert gerne mal in ihrem alten Poesiealbum und schwelgt in Erinnerungen. Sie hat auch noch das ihrer Großeltern in ihrem Besitz. „Das Poesiealbum entstand in einer Zeit, als man sich durch Briefe und Urkunden ausweisen musste, daraus entstanden Stammbücher und später die Poesiealben“, berichtet die ehrenamtliche Mitarbeiterin des Stormarnschen Dorfmuseums Hoisdorf. Sie hat eine Ausstellung vorbereitet, die einen Einblick in die Wandlungen des Poesiealbums zum heutigen modernen Freundschaftsbuch aufzeigt. Das älteste Exemplar kommt aus der Zeit von 1850. Am Sonnabend, 7. März, wird die Schau mit dem Titel „ Rosen, Tulpen, Nelken.... vom Poesiealbum zum Freundschaftsbuch“ um 14.30 Uhr im Dorfmuseum (Sprenger Weg 1) eröffnet.

Kaum Alben aus der NS-Zeit erhalten


Marianne Lentz erzählt: Die Geschichte dieser Alben reicht bis in die Zeit vor dem 30-jährigen Krieg zurück. Damals mussten die Söhne des Adels, die an Turnieren teilnehmen wollten, ein Stammbuch vorlegen, mit dem sie ihre hochgeborene Herkunft nachwiesen. Diese Stammbücher waren prächtig gestaltet, mit vielfarbigen und mit Gold bemalten Wappen und Miniaturen und mit möglichst vielen Eintragungen bedeutender Zeitgenossen. Nach 1648 gewann der bürgerliche Stand mehr und mehr an Einfluss. Jetzt befleißigten sich wohlhabende Handelsherren, Gelehrte, Professoren, Pastoren und Studenten dieser Sitte. Hatten sich wichtige Persönlichkeiten in dem Stammbuch verewigt, konnte das dazu beitragen, in dieser Gesellschaftsschicht Erfolg zu haben oder gar Fuß zu fassen. Ab etwa 1850 wurde das Stammbuch mehr und mehr zur Frauensache. Es
wandelte sich zum Posiealbum und verbreitete sich auch bei der ländlichen Bevölkerung, beim Kleinbürgertum und im Arbeitermilieu. Und hier setzt die Ausstellung ein. „Unser ältestes Album stammt aus dem Jahr 1850, das jüngste von 2013, ein Zeitfenster, in dem sich ein großer gesellschaftliche Wandel spiegelt“, sagt Marianne Lentz. Erzählen die frühen Alben meist in blumigen Worten von Freundschaft und Glück, verbunden mit der ausdrücklichen Bitte, die Schreiberin in guter Erinnerung zu behalten, so werden die späteren, die um 1900 bis 1925 datierten, in unserer Gegend zu Zeiten der Konfirmation herumgereicht. Dieses kirchliche Fest signalisierte das Ende der Jugendzeit und die vielen religiösen Sprüche und Verse sollten den Empfänger stärken und helfen, den Weg in das Erwachsenenleben zu bewältigen. In den Alben verewigten sich Mädchen und Jungen gleichermaßen. Lentz: „Wir würden sagen: die ganze Konfigruppe hat sich verewigt, und zwar ohne Bilder oder Schnörkel, nur der Text war üblich.“ Aus der Zeit des Nationalsozialismus liegen dem Museum keine Bücher vor. Nach dem Weltkrieg wurden in fast allen Haushalten Zeugnisse jener Zeit vernichtet. Lediglich eine einzige Eintragung ist mit „Hitlergruß“ unterzeichnet.

Verse und Zeichnungen


Die 50er-Jahre sind gut vertreten. Damals wurden die Alben wieder als Erinnerungsbücher gestaltet, meist beim Wechsel der Schulform. Mit schön ge
schriebenen Versen und sorgfältigen Zeichnungen tat man seine Wertschätzung für die Besitzerin kund. Die heutigen „Freundschaftsbücher“ zeugen von unserer durch die Ökonomie geprägten Welt - hier vom effizienten Umgang mit Zeit. Die Texte sind vorgegeben, auch die Dekoration, und man braucht lediglich die gestellten Fragen zu beantworten. Nur die hübschen Kinderfotos, meist sind es Jungen und Mädchen im Kindergartenalter, erfreuen den Betrachter.
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