Ein Engländer in Barmbek

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Tim Shoesmith vor dem Haus in der Emil-Janßen-Strasse Foto: Heume
 
Szene aus „Educating Rita“ im English Theatre mit Tim Shoesmith und Grace Alexander-Scott Foto: Kock

Londoner Schauspieler Tim Shoesmith extra für das English Theatre engagiert

Von Ruth Heume
Barmbek
Der Mann versteht es, zu zaubern: als Schauspieler auf der Bühne und bei seinen Auftritten als professioneller Magier. Doch obwohl Tim Shoesmith jetzt seit fast sechs Wochen in Barmbek lebt, muss er eines zugeben: Von seiner Nachbarschaft hat er noch nicht viel gesehen. Der Grund ist schnell gefunden: Zur Zeit spielt er am English Theatre in der aktuellen Produktion „Educating Rita“. Acht Vorstellungen die Woche, das mag nicht viel erscheinen. Aber es ist ein Zweipersonenstück und das bedeutet harte Arbeit. Da beide Schauspieler quasi während des ganzen Stücks gemeinsam auf der Bühne stehen, gibt es auch bei den Proben keine Ruhezeiten für einen von beiden. Das English Theatre am Lerchenfeld, gegründet 1976, hat einen hohen Anspruch. Es arbeitet grundsätzlich nur mit Muttersprachlern und Profis. Und die sind für die Zeit ihres Gastspiels in den beiden Mietwohnungen in Barmbek und Wandsbek untergebracht.

Stück ist ein Klassiker


Es ist das erste Mal für Tim Shoesmith am English Theatre in Hamburg. Sein Zuhause ist London und eigentlich wollte er nicht mehr so viel auf Tour gehen. Denn in London sind seine Frau und die drei Kinder. Die älteste Tochter Maya ist sechs, die Zwillinge Emma und Georgina sind vier Jahre alt. Der 54-jährige ist spät Vater geworden, aber „ich glaube, ich wäre früher noch nicht dafür reif gewesen“. Umso mehr genießt er jetzt die Zeit mit den Kindern. Das Angebot, den Frank in „Educating Rita“ zu spielen, konnte er trotzdem nicht ausschlagen. „Die Komödie ist ein Klassiker der Achtziger Jahre und wird leider nur noch sehr selten gespielt.“ Und was ihn besonders reizte: „Frank ist eine Figur, die sich im Stück entwickeln darf.“ Jetzt wohnt er also in der Emil-Janßen-Straße. Die Dreizimmerwohnung hat er ganz für sich alleine, das ist der Vorteil des Zweipersonenstücks. Seine Spielpartnerin Grace Alexander-Scott ist in Wandsbek untergebracht. Bei Stücken mit mehr als zwei Akteuren müssen sich die Schauspieler die Wohnungen teilen, streng nach Geschlechtern getrennt. Für die vorige Produktion „No Dinner for Sinners“ gab es in Barmbek eine Frauen-WG. In der Zeit bis zur Premiere musste er sich voll auf die Proben konzentrieren. Erst dann durfte seine Familie zu Besuch kommen. Zum Glück waren gerade Ferien in England. Tim‘s Frau Eva ist Deutsche und kommt aus Ahrensburg. Kennengelernt hat sich das Paar 2005 bei einer Party in Las Vegas. Sie ist Ärztin und arbeitete in Long Beach. Er stand als Zauberer im Magic Castle in Hollywood auf der Bühne. Nach zwei Jahren Fernbeziehung zog Eva schließlich nach England. Die Kinder wachsen zweisprachig auf. Also begann Tim Shoesmith, Deutsch zu lernen am Goethe-Institut in London. Sein ernüchterndes Resümee nach vier Jahren: „Das hatte ich mir leichter vorgestellt.“ Besonders die Artikel – der, die, das – machen ihm zu schaffen, denn die englische Sprache kennt ja nur das „the“. „Warum heißt es „das Mädchen“? Es ist doch weiblich!“ Und dann die zweigeteilten Verben: „Es heißt „anrufen“, aber „er ruft an“. Während seines Aufenthalts in Hamburg musste er seine Deutschkenntnisse bisher kaum anwenden. Sobald er beginnt, mit seinem britischen Akzent ein paar Brocken auf Deutsch zu sprechen, bekommt er eine Antwort auf Englisch. „Die Deutschen sprechen sehr gut Englisch.“ Der Schauspieler lebt recht zurückgezogen in der Barmbeker Wohnung. „Ich kenne den Waschsalon um die Ecke und den Supermarkt schräg gegenüber“, gesteht er. Und er war zum Einkaufen an einem Sonntag im Hauptbahnhof. In England sind die meisten Geschäfte auch sonntags geöffnet. An der Wohnung in Barmbek gefällt ihm besonders die Nähe zum Stadtpark, wo er regelmäßig joggen geht. 13 Mal pro Monat, um genau zu sein. Eine magische Zahl? „Das ist so ein Tick von mir“, verrät Shoesmith. Er habe vor langer Zeit einmal angefangen, in einem Fitness-Studio zu trainieren. Da musste er auf einem Blatt immer eintragen, wann er trainiert hatte. Nach einigen Monaten habe er festgestellt, dass es jeden Monat genau 13 Mal gewesen sei. Seitdem fühle er sich „gezwungen“, sich genau an diese Zahl zu halten. Am Wetter kann es nicht liegen, dass er ansonsten so wenig aus dem Haus geht. Das unterscheidet sich ja kaum von dem in England. Als er Anfang Februar nach Hamburg kam, war es aber schon ungewöhnlich kalt. Da wunderte er sich über die Disziplin und Gesetzestreue der Deutschen: „Wie kann man als Fußgänger bei minus zehn Grad an einer roten Ampel stehenbleiben, wenn weit und breit kein Auto kommt?“

Zaubern besser bezahlt


Tim Shoesmith bezeichnet sich selbst als schüchtern. Wenn er nicht gerade Besuch von Familie oder Freunden habe, komme er auch ganz gut alleine zurecht. Das ist nicht ungewöhnlich. Auch wenn sie sich tagtäglich dem Rampenlicht aussetzen, seien viele Schauspieler eher introvertiert. „Auf der Bühne zeigst du nur einen kleinen Teil von Deiner eigenen Persönlichkeit.“Noch bis zum 16. April wird „Educating Rita“ im English Theatre gespielt. Einmal kommt die Familie bis dahin noch zu Besuch. Und dann freut Tim Shoesmith sich wieder auf zu Hause. Im Mai hat er ein paar Engagements als Zauberkünstler. Er mag beide Tätigkeiten und die Abwechslung. Abgesehen davon. dass das Zaubern besser bezahlt wird.
In England wird er weiter Deutsch pauken müssen – da helfen ihm seine Zauberkünste auch nicht weiter. Im Goethe-Institut hat er gelernt: „Dein Deutsch ist erst dann gut, wenn Du auf Deutsch flirten und lustig sein kannst.“

Weitere Infos: English Theatre Hamburg
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