Bildungsagentur vor dem Aus

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Soll ihre Arbeit umsonst gewesen sein? Bildungsberaterin Seyhan Dülger von der Bildungsagentur Dulsberg.Foto: nk

Öffentliche Förderung wird nicht fortgeführt

Dulsberg. Für Nevin Karakulak ist es eine Katastrophe. Seit 36 Jahren lebt sie auf dem Dulsberg. Erst im vergangenen Jahr verließ die 51jährige ihr „Schneckenhaus“. Die türkischstämmige Frau nahm zum ersten Mal Angebote der Dulsberger Bildungsagentur in Anspruch: Sie besuchte einen Sprach- und einen Computerkurs. Jetzt wird ihr diese Möglichkeit genommen, denn der Einrichtung droht das Aus.
„Uns fehlen rund 27 000 Euro“, sagt Projektleiter Jürgen Fiedler aus dem Stadtteilbüro. Diese Summe bräuchte die Bildungsagentur, damit sie im kommenden Jahr ihre Arbeit im Stadtteil fortsetzen könnte. Die letzte Chance doch noch an öffentliche Mittel zu kommen, haben Jürgen Fiedler (50) und Bildungsberaterin Seyhan Dülger (35) verpasst. In der jüngsten Sitzung des Bezirkes lehnten die Politiker der beiden großen Parteien die Weiterfinanzierung durch Sondermittel der erst vor drei Jahren ins Leben gerufenen Bildungsagentur auf dem Dulsberg ab. Dabei kann diese eine erfolgreiche Arbeit und Bilanz vorweisen. „Es ist nicht so, dass wir hier nichts bewegen konnten“, sagt Seyhan Dülger, das Gegenteil sei der Fall. Oftmals sei die Bildungsagentur ein Sprungbrett zum (Wieder-)Einstieg ins Berufsleben für Menschen mit Migrationshintergrund gewesen. Besonders das kostenlose Angebot wird von den Anwohnern geschätzt. „Wir haben nicht viel Geld“, erklärt Karakulak. Ein niedrigschwelliges oder gar kostenloses Bildungsangebot ist für sie daher besonders wichtig. „“Wir sind sehr hier zufrieden. Wir lernen ein bisschen“, führt sie in gebrochenem Deutsch weiter aus.
Die Aufgaben der Bildungsagentur sind vielfältig: Integrationskurse, Hausaufgabenhilfe, Prüfungsvorbereitung oder auch Computerkurse oder praktische Hilfestellungen bei Bewerbungsschreiben und Vorstellungsgesprächen. Die Einrichtung arbeitet lokal; nah bei den betroffenen Menschen. Das scheint auch ihr Erfolgsrezept zu sein. Die Nachfrage an Angeboten ist groß. Es gibt sogar für manche Angebote Wartelisten.
Trotzdem, ohne finanzielle Mittel, kann die Einrichtung das kommende Jahr nicht überstehen. Bislang wurde sie aus Mitteln des Europäischen Fonds (ESF), der Stadt Hamburg und durch den Bezirk Nord gespeist. „Der Bezirk zieht sich jetzt raus“, sagt Fiedler. Warum? Das ist unklar, denn Sondermittel seien laut René Gögge, haushaltspolitischer Sprecher der GRÜNEN in der Bezirksversammlung, noch vorhanden. Gögge kommentiert: „Man ist fassungslos, wenn man einerseits sieht, dass die bezirklichen Töpfe für die Förderung gemeinnütziger Vereine und Initiativen geradezu prall gefüllt sind und die SPD trotzdem versucht,
an dieser Stelle den Haushalt zu sanieren. Anstatt den Bezirk Nord zu unterstützen, betreibt die SPD-Bezirksfraktion Politik für den Finanzsenator. Das ist ein Skandal. Nun muss sogar die erfolgreiche Bildungsagentur Dulsberg vorzeitig schließen.“
Unklar ist auch, warum die Bildungsagenturen in Wandsbek und Mitte weiter gefördert werden – aber die Arbeit einer Bildungsagentur in einem Stadtteil wie dem Dulsberg weniger wichtiger sei. (nk)
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