Ein Grieche, der viel gibt

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Basilios Kotzakidis schwingt den Kochlöffel in der Kirche St. Sophien in der Weidestraße Foto: Gehm

Basilios Kotzakidis kocht regelmäßig in St. Sophien für Bedürftige

Barmbek Er muss sich keine Sorgen machen. Nicht um sich selbst. Die Rosen im Garten gedeihen im Alsterwind, und seit er pensioniert ist, könnte er einfach sein Leben genießen. Nur noch Dinge tun, die ihm Spaß bereiten. Trotzdem hat sich Basilios Kotzakidis aus Winterhude entschlossen, ehrenamtlich weiter zu arbeiten. Weil er sich eben doch Sorgen macht. Um andere. Die weitaus weniger haben als er und oftmals fast gar nichts. Die nicht wissen, wo sie die nächste Nacht verbringen und wie. Die sich selten vernünftig ernähren können, weil sie von dem leben, was andere ihnen geben.
Auch der Grieche Basilios gibt. Sein Wissen, sein Können, seine Zeit. Angereichert mit einer großen Prise Mitgefühl. Deshalb rührt der Hobbykoch einmal im Monat in den großen Töpfen der St. Sophien-Kirche in der Weidestraße in Barmbek-Süd. Kocht für all jene, die sich eine leckere Mahlzeit nicht leisten können. Dafür steht er schon am Samstagmorgen in der Kirchenküche, um in Absprache mit Küchenleiterin Christel Plener Gerichte zu kochen, die seinen Gästen schmecken. Speisen, die sie an längst zurückliegende Zeiten erinnern, als das Schicksal es noch besser mit ihnen meinte und die Zukunft nur Gutes verhieß.

„Die meisten wollen Nachschlag“


Hühnerfrikassee mit Reis und Erbsen steht heute auf dem Speiseplan. Zum Nachtisch Obstsalat mit Vanillesoße. Dazu Saft. Danach werden Kaffee und Kuchen gereicht. Die meisten Zutaten kommen als Lebensmittelspende von der Hamburger Tafel und von einer Bäckerei, der Rest wird von Gemeindespenden dazu gekauft. Lange im Voraus hat sich Basilios überlegt, was er kochen wird. „Nur mild gewürzt darf es sein“, sagt er mit leisem Bedauern. „Beim Frikassee habe ich aber ein bisschen Zitrone dazu geschummelt.“ „Mengenmäßig“, sagt er, „stoßen wir manchmal an Grenzen. Denn die meisten wollen Nachschlag.“
Punkt zwölf ist Einlass. Ein Schwall von rund 60 Personen ergießt sich in den Gemeindesaal. Es hat sich herum gesprochen, dass es in St. Sophien gute Küche gibt. Einer der Pater spricht ein Gebet. Ersatzweise schon mal Basilios selbst. An schön gedeckten Tischen, wo das Essen wie im Restaurant serviert wird, verspüren die Gäste zwei Stunden lang wieder einen Hauch von Geborgenheit. Wie Günther aus Berne, der froh ist, dass es die Kirchenküche gibt. Der Ex-Eisenbahner aus der „DDR“ hatte sich nach der Wende hoch verschuldet und lebt jetzt unter der Armutsgrenze: „Ich kam mit dem neuen System nicht klar.“ Angela aus Hamm ist zu 100 Prozent schwerbehindert: „Mir schmeckt es hier, und man ist sehr freundlich zu mir.“ Peter ist blind und kommt mit seinem Freund Thomas: „In anderen Sozialstationen gibt es meist nur Tütensuppen. Hier ist alles super frisch. Das grenzt schon an Gourmetessen.“

Kochen bei „Mama gelernt“


Auch dank Basilios. 1958 reist er als 19-Jähriger von Athen nach Hamburg, um seine Schwester Elizabeth zu besuchen, die hier Architektur studiert. Nur ein Jahr lang plant er zu bleiben. Es sollen 57 daraus werden. Zwischendurch lebt er in Köln und Frankfurt, wo er bei der Lufthansa beschäftigt ist, bis er mit 58 nach Hamburg zurückkehrt. Der einstige Theologiestudent, der in Athen in einem Priesterseminar lebte, geht gern zur katholischen Messe. Vor acht Jahren erfuhr er vom Ehrenamt als Souschef. „Kochen und backen habe ich bei Mama gelernt“ bekennt Basilios, den alle nur Wassilis nennen. Seine Eltern stammten aus Smyrna in der heutigen Türkei, der „Hochkultur des Essens“, wie er stolz bemerkt. Noch heute kocht er für Freunde und Verwandte die traditionellen Gerichte aus Kleinasien. In der Sophienkirche werden Bedürftige an jedem zweiten Samstag bewirtet. Nach dem Essen wird die „Boutique“ eröffnet, wie die Kleiderausgabe genannt wird. Zum Abschied bekommt noch jeder Gast eine Tüte auf den Weg, mit belegten Brötchen, Schokolade, Zahnpasta.
Für Basilios und die anderen beginnt jetzt das große Aufräumen und Saubermachen. Wenn etwas vom Essen übrig geblieben ist, wird es gemeinsam verzehrt. Erst zuhause merkt er, was er körperlich eigentlich geleistet hat, sagt der junggebliebene 77-Jährige. (geh)
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