Eine unermüdliche Aufklärerin in Hamburg

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Esther Bejarano (88), die im Mädchenorchester von Auschwitz spielte, liest aus ihren Erinnerungen und singt mit der Rap-Band Microphone-Mafia Foto: Hanke/wb

Esther Bejarano liest im Museum für Arbeit aus ihren Erinnerungen

Hamburg. Lange hat sie geschwiegen. In den 1970-er Jahren begann sie dann ihre Erinnerungen aufzuschreiben. Jetzt sind sie als Buch erschienen. Die Rede ist von Esther Bejarano (88), die das Konzentrationslager Auschwitz überlebte und dort im „Mädchenorchester“ Akkordeon spielte. Die nach Palästina auswanderte, dort eine Familie gründete und nach Deutschland zurückkehrte. Die heute mit 88 Jahren in Schulen von ihrem Leben erzählt, über die Nazizeit informiert und in einer Rap-Band singt.
Ein ungewöhnliches Leben wird da ausgebreitet: geborgene Kindheit, Todesangst in Auschwitz, Aufbruch ins Erwachsensein in Israel, Rückkehr ins Land der NS-Täter und ein erfülltes, von Aufklärung über die NS-Verbrechen beseeltes Leben in Hamburg.
Nüchtern und gradlinig erzählt Esther Bejarano, diese kleine, hellwache, energiegeladene Frau, die seit 30 Jahren in Groß Borstel lebt, ihre Geschichte. In Saarlouis im Saarland als Tochter des Kantors der jüdischen Gemeinde geboren, wuchs Esther mit drei Geschwistern in gutbürgerlichen Verhältnissen auf. Die Nationalsozialisten zerstörten die Familienidylle. Esther musste ab 1941 in einem Arbeitslager Dienst tun. Im selben Jahr wurden ihre Eltern deportiert und ermordet. Eine Schwester und deren Mann erschossen die Nazis bei einem Fluchtversuch in die Schweiz. Die anderen zwei Geschwister emigrierten schon in den 1930-er Jahren in die USA beziehungsweise nach Palästina. Esther wurde im April 1943 nach Auschwitz deportiert, kam ins kurz darauf gegründete „Mädchenorchester“. „Ich sollte das Akkordeon spielen, weil es kein Klavier gab. Das konnte ich aber gar nicht. Ich habe aber gesagt, ich könne das und habe versucht den damals bekannten Schlager ‚Du hast Glück bei den Frau´n, Bel Ami‘ zu spielen. Das klappte, obwohl ich gar nicht wusste, was die Knöpfe auf der linken Seite des Akkordeons bedeuteten. Ich hatte aber ein gutes Gehör und habe die Akkorde erkannt. Es war ein Wunder“, erzählt Esther Bejarano, die trotz ihres schweren Schicksals sagt, dass sie viel Glück in ihrem Leben gehabt hat. Glück auch, als ihr mit sechs Freundinnen auf dem Todesmarsch nach der Auflösung des KZ´s Ravensbrück im April/Mai 1945 die Flucht gelang und sie sich zu Amerikanern und Russen durchschlagen konnte.
Esther Bejarano emigrierte nach Palästina, verliebte sich in ihren späteren Mann, heiratete ihn und wurde Mutter zweiter Kinder. Doch das Klima in Israel bekam ihr nicht, im doppelten Sinne: die Hitze und die israelische Politik. Als ihr Mann nach dem Sinai-Krieg nicht mehr schießen wollte, kamen sie nach Hamburg. Die Musik spielt in Esther Bejaranos Leben unverändert eine große Rolle. Sie singt antifaschistische Lieder, gibt Konzerte - mit ihrer Familie. (ch/wb)

Lesung mit Esther Bejarano und Konzert mit Die Bejaranos & Microphone Mafia, Freitag, 14. Februar, 19.30 Uhr, Museum für Arbeit, Wiesendamm 3
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