Hamburg: Gegen die Erwartungshaltung

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Der Barmbeker Sänger Michy Reincke gibt Tipps für den MusikernachwuchsFoto: Peter/wb

Profi-Musiker Michy Reincke über Nachwuchs und Engagement

Von Misha Leuschen
Hamburg. Probenräume, die Hamburger Nachwuchsmusikern von der Stadt zur Verfügung gestellt werden sollen? Darüber kann Sänger Michy Reincke („Taxi nach Paris“) nur den Kopf schütteln.
„Da geraten doch zwei gegensätzliche Dinge in Kollision“, findet der 54-jährige Profi-Musiker, der in Barmbek-Süd lebt. „Auf der einen Seite der Aufbruch auf die Suche nach einer alternativen Lebensvariante als Musiker, zum anderen die Bequemlichkeit.“ Da könne man ja gleich sagen, man hätte ja ein toller Musiker werden können, aber „leider, leider hat es ja keine Proberäume von der Stadt gegeben“, empört er sich.

Proben im Kinderzimmer

Diese Erwartungshaltung sei es, die Kreativität schwer mache, findet er. „Ich bezweifle, dass die Generation, die medial und modisch rundum versorgt wird, ein eigenes Denken und Handeln entwickeln kann“, provoziert er. „Früher haben Jugendliche Jack Kerouac und Hermann Hesse gelesen, heute lesen sie Harry Potter. Das sagt einiges.“
Er selber hat mit 15 als Straßenmusiker angefangen; vorher wurde im Kinderzimmer mit Klavier und Gitarre geprobt, bis die fünf Bob-Dylan-Songs auch klappten. „Wir haben an der U-Bahn Wandsbek-Markt gestanden“, erinnert er sich. Klar sei das peinlich gewesen, aber sie fanden sich auch toll für ihren Mut, sich dort hinzustellen und Musik zu machen. In der Schule probte die Band, zu der auch mal Stefan Gwildis gehörte, bis sie Übungsräume brauchte. „Dann mussten wir was mieten, aber Probenräume waren so rar wie heute“, erinnert sich Michy Reincke. In Farmsen ergatterten sie einen „schrabbeligen Lagerraum von Eichtal“: „Da musste ich jedes Mal von Barmbek, wo ich in der Herrmann-Kaufmann-Straße meine erste Wohnung hatte, hingurken.“ Für damalige Verhältnisse mussten sie richtig viel Geld zahlen, „so um 200 Mark. Dafür haben wir Zeitungen ausgetragen und auf der Tanke gearbeitet. Dass die Stadt uns was zur Verfügung stellen könnte, daran haben wir gar nicht gedacht!“

Mit anderen Bands teilte man sich den Raum, „den brauchten wir ja nicht täglich“, und so ging es weiter mit der Musik.
Was er jungen Musikern heute rät? „Erst mal schauen, ob das überhaupt was für sie ist“, sagt er. Im Jugendzimmer könne man sich gut die ersten Techniken und Songs aneignen, sich dann zum Musizieren zusammenfinden – und für erste Proben mal in der Schule fragen, ob man dort Räume nutzen kann. Wenn dann immer noch das Herz für die Musikerkarriere schlägt, dann findet man auch Wege, es umzusetzen, weiß Reincke. Widerstände stärken, das hat Reincke selbst erfahren und sieht es auch bei jungen Kollegen, mit denen er im Rahmen der „Lausch Lounge“ arbeitet: „Das sind junge Menschen, die in der Musik einen Weg gefunden haben, sich mitzuteilen. Und genau darum geht’s.“


Proberäume für Musiker: „Interessante Idee, aber kein Geld“

Hamburg hat zu wenige Probenräume für Musikerinnen und Musiker, darin sind sich Betroffene, Politik und Behörden einig. Doch wie Abhilfe schaffen? Und: Ist das überhaupt Sache der Stadt? Darüber gehen die Meinungen auseinander. Der Bezirk Nord forderte im Sanierungskonzept Barmbek-Süd ein Musikerzentrum in der Marschnerstraße. Doch die Realisierung scheiterte. Nun unterstützt die Bezirksversammlung Pläne, dass im Projekt „Wiese“ in der ehemaligen Theaterfabrik am Wiesendamm im Kellergeschoss Übungsräume für Musikerinnen und Musiker installiert werden sollen.

Aber wie steht es dafür mit der Finanzierung?
In einer Stellungnahme macht die Kulturbehörde deutlich, dass dies zwar eine interessante Idee wäre, aber von Seiten der Stadt hierfür keine finanziellen Mittel aufgebracht werden könnten. Die Bereitstellung von Proberäumen sei generell in hohem Maß von privatem Engagement abhängig.
Die „Wiese“ erklärt, dass man zwar die baulichen Voraussetzungen schaffen wolle, doch dass ihr eigenes Proben- und Bildungszentrum Vorrang haben werde. Um Musiker-Probenräume anbieten zu können, müsse ein belastbares Mitangebot vorliegen. Bisher habe sich noch keine Vereinigung, die die Musiker vertreten könnte, bei der „Wiese“ gemeldet. (leu)
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