Jeder zweite Senior in Steilshoop ist arm

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Im Bezirk Wandsbek ist Steilshoop neben Jenfeld am meisten von Armut betroffen Foto: Glitz

Experten sehen wachsendes Armutsproblem. Auch Alleinerziehende und ihre Kinder betroffen

Von Rainer Glitz
Hamburg. Der Saal der Martin-Luther-King-Gemeinde ist gut gefüllt, ein altersmäßig gemischtes Publikum verfolgt die Veranstaltung des Ausschusses für soziale Stadtentwicklung der Bezirksversammlung Wandsbek zum Thema Kinder- und Altersarmut. „Das Problem hat seit der letzten Anhörung vor fünf Jahren zugenommen“, erklärt Thomas Mirbach von der Lawaetz-Stiftung, der die Diskussion leitet. Deutschlandweit leben zwei Millionen Kinder in Haushalten, die auf Hartz IV angewiesen sind, in Hamburg sind es 51.000. Fast die Hälfte dieser Kinder lebt mit einem alleinerziehenden Elternteil. Diese Zahlen nannte Wolfgang Hammer, der lange Jahre als Experte für die Hamburger Sozialbehörde gearbeitet hat.
„Es fehlt das Geld für Kleidung, Sport, Freizeitangebote oder Klassenfahrten, die Kinder erleben Ausgrenzung“, erläutert Hammer weiter. Angst vor Gewalt oder Arbeitslosigkeit kämen später dazu. Der Experte setzt auf frühe Hilfen bereits im Kleinkindalter. „Den Kindern muss die Freude am Lernen vermittelt werden“, sagte Hammer. Ohne Schulbildung drohten Gelegenheitsjobs und Transferleistungen und damit weitere Armut. Für Wandsbek rät Hammer, die vorhandenen Strukturen zu erhalten und zu bündeln.
Bereits bei 928 Euro netto im Monat liegt die Armutsgrenze, bei Familien mit zwei Kindern unter 14 Jahren bei 1.826 Euro. Wer darunter liegt, ist von Armut gefährdet. In Hamburg sind das knapp 15 Prozent der Menschen. Diese Zahlen nannte Joachim Speicher vom Paritätischen Wohlfahrtsverband. In Hamburg seien besonders häufig junge Frauen, Alleinerziehende, kinderreiche Familien und Arbeitslose betroffen. Die Zahl der armen Menschen über 65 Jahren ist laut Speicher auf 20.000 gestiegen. „Viele Senioren schämen sich, Hilfe anzunehmen, wahrscheinlich liegt die Quote noch höher“, so Speicher. Mit 6,2 Prozent ist sie ohnehin die höchste in Deutschland. Steilshoop ist mit 52 Prozent der Stadtteil mit der höchsten Altersarmuts-Quote, knapp dahinter liegt Jenfeld mit 50 Prozent. Schuld seien das gesenkte Rentenniveau und Arbeit im Niedriglohnsektor, die hohen Mieten seien in Hamburg ein zusätzliches Problem für arme Alte. „Die Möglichkeiten im Bezirk Wandsbek sind beschränkt“, gestand Joachim Speicher ein. Er rät, ehrenamtliches Engagement zu unterstützen. Arme Alte leben laut der Zahlen des Paritätischen Wohlfahrtverbandes zehn Jahre kürzer als der Durchschnitt.
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