Raus aus dem (Un)glücksspiel

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Laut Suchthilfebericht sind rund 10.000 Hamburger abhängig vom Glücksspiel Foto: thinkstock

Sucht-Therapie-Zentrum in Hamburg-Barmbek berät Glücksspielsüchtige. Das Beispiel von Christian R. zeigt, wie ein Ausweg aussehen kann

Von Klaus Schlichtmann

Barmbek. Die Zahlen im jüngsten Suchthilfebericht sind erschreckend und sprechen für sich: Rund 10.000 Hamburger sind glücksspielsüchtig. Es sind überwiegend Männer (90 Prozent), das Durchschnittsalter liegt bei 37 Jahren. Besorgnis erregend ist die deutliche Zunahme von Jugendlichen, die ihr Geld an den sogenannten „Daddel“-Automaten verspielen, obwohl sie es nicht dürfen. Ihr Anteil stieg von 2,3 Prozent im Jahr 2007 auf 4,5 Prozent in 2011.

Aber auch die öffentliche Wahrnehmung dieser besonderen Suchtproblematik ist gestiegen. Und die Bereitschaft, Hilfe anzunehmen. Waren es vor zehn Jahren gerade mal 431 „pathologisch Glücksspielsüchtige“, die in Hamburg Hilfe in einer Beratungsstelle suchten, stieg die Zahl im Auswertungsjahr 2012 auf 1.459 Personen. Soweit die Statistik. Auch das Sucht-Therapie-Zentrum (STZ) in Barmbek gehört zu den Anlaufstellen unter anderem für Glücksspiel-Süchtige. Und auch hier hat sich die Zahl der Ratsuchenden in den letzten Jahren verdreifacht.

Christian R. (42) ist einer von denen, der über das STZ den Ausstieg fand - es war ein harter Weg, aber es gab keine Alternative. Christian R. war 21, als er das erste Mal Geld in einen Automaten warf, der im Waschsalon eines Campingplatzes an der Nordsee installiert war. „Ich wollte mir die Zeit vertreiben, bis die Wäsche durch war“, erinnert sich der Landschaftsgärtner.  1,20 D-Mark habe er damals gewonnen, „und es war ein schönes Geräusch, als die Groschen in die Münzschale fielen“. Wieder zu Hause, machte Christian sich auch bald auf den Weg in eine Spielhalle. „Am Anfang habe ich ohne Risiko gespielt, so ein, zwei Stunden.“

Aber Christian R. hat auch die anderen Spieler gesehen, die die Risikotaste drückten und so zu 50 Sonderspielen kamen - „das wollte ich auch!“ Die Risikobereitschaft stieg - und auch die Anzahl der Automaten, an denen Christian R. gleichzeitig spielte. Anfangs waren es zwei, drei, am Ende sechs, sieben, die er Stunde um Stunde mit seinen Münzen fütterte. Die Automaten beherrschten ihn, er war abhängig geworden. Er konnte schließlich kaum noch den Feierabend abwarten, bis er wieder spielen konnte, bevorzugt an seinen Lieblingsautomaten mit dem Namen „Disc II“. „Oft reichte das Geld es nur bis Mitte des Monats“, sagt Christian R.. An den folgenden zehn, 14 Tagen bis zur nächsten Gehaltszahlung gab es dann oft genug nur Reis mit Ketchup oder Ketchup mit Reis. Christian R. hatte keine Hobbys, keine Freunde mehr, Freundinnen schon gar nicht.

Alles kreiste nur um seine Spielsucht, für die er zuletzt Monat für Monat gut 1.000 Euro investierte, insgesamt rund 100.000 Euro im Laufe der Sucht-Jahre. Als Christian R. in dieser Zeit eine neue Wohnung bezog, gewährte ihm die Bank einen Anschaffungs-Darlehen über 10.000 Euro. Nicht einmal die Hälfte investierte er in neue Möbel, der größere Rest landete im „Daddel“-Automat. „Nur einmal hatte ich richtiges Glück“, sagt Christian R., „da ging ich mit einem Gewinn von 1.500 Euro nach Hause.“ Aber auch dieses Geld war – bis auf eine notwendige Investition in neue Schuhe – schnell wieder verspielt. Schließlich wuchs dem süchtigen Spieler Christian R. alles über den Kopf. Raten wurden nicht mehr bezahlt, der Briefkasten quoll über mit Rechnungen und Mahnungen, der Gerichtsvollzieher drohte. „Meine Mutter war‘s, die mir finanziell noch einmal unter die Arme griff“, sagt Christian R. Aber nur unter einer Bedingung: „Ich sollte mir endlich helfen lassen!“ Diese Hilfe fand der Spielsüchtige beim STZ. Und das vermittelte ihm schließlich einen Therapieplatz in einer Suchtklinik in Bad Herzfeld (Hessen), die Kosten wurden von der Rentenversicherung übernommen.

Drei Monate stationäre Reha - als Christian R. sich mit dem Zug auf den Weg nach Bad Hersfeld machte, schien es ihm undenkbar, es dort so lange auszuhalten. Ohne Automaten, die doch sein Lebensinhalt waren. Doch als die Zeit vorbei war, mochte er kaum wieder gehen, denn er hatte neue Freunde unter den Leidensgenossen gefunden. Ein strenger Stundenplan regelte den Tagesablauf in der Klinik, Disziplin wurde vorausgesetzt. Arbeitstherapie (Christian R. wurde schnell zum Chefgärtner ernannt), Gesprächstherapie (nur spielsüchtige Männer), Gestaltungstherapie. „Dort habe ich einen Traumfänger gebastelt, der hängt jetzt bei mir im Schlafzimmer an der Wand“, sagt Christian R. Spiele - bis auf Schach - waren verboten, die Klinik durfte in den ersten sechs Wochen nur in der Gruppe verlassen werden („damit wir auf uns aufpassen“). All diese Maßnahmen haben geholfen.

Heute kann Christian R. an einem Glückspiel-Automaten vorbei gehen, ohne in Versuchung zu kommen. „Sogar dieses verlockende Geräusch bei der „Gewinn-Ausschüttung“ könnte ich wohl ertragen, aber ich will meine wiedergewonnene Selbstachtung lieber nicht aufs Spiel setzen“, sagt Christian R. Ein Hobby hat er sich übrigens auch zugelegt - Angeln an der Elbe. Unter dem Namen „Ausgespielt“ hat Christian R. inzwischen eine Selbsthilfegruppe für Spielsüchtige gegründet. Die Mitglieder treffen sich jeden Montag ab 20.15 Uhr in der Knoopstraße 37, Gäste sind herzlich willkommen.

Beratung und Hilfe gibt es z.B. im Sucht-Therapie-Zentrum (STZ) Barmbek, Drosselstraße 1, Tel.: 61136060. Internet: martha-stiftung.de
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