Un-„bezahlBAR“ gut

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Eine Kundin beim Stöbern im bezahlBAR Foto: Thiele
 
bezahlBAR-Projektleiter Mathias Keil mit Unterstützerin Christine Brüggemann (CDU) Foto: Thiele

Sozialkaufhaus in Barmbek bietet edle Ware für kleines Geld

Von Ulrich Thiele
Barmbek
Wenn man die Räume des „bezahlBAR“ an der Habichtstraße 126 erstmals betritt, könnte man denken, es handele sich um eine Nobelboutique mit überteuerter Kleidung und unerschwinglichen Accessoires. Die attraktiv eingerichteten Schaufenster ziehen den Blick der Vorbeischlendernden bereits draußen auf sich und inmitten der durchdachten Inneneinrichtung finden sich vor allem Markentextilien wie Schuhe, Handtaschen, Oberteile und Hosen sorgfältig geordnet auf hochwertigen Möbeln in einheitlicher Farbe, an Kleiderständern oder an den Schaufensterpuppen. Das „bezahlBAR“ ist aber kein Kleidungsgeschäft wie jedes andere, es wird seinem Namen gerecht. Luxuriöse Damen-Lederschuhe, die normalerweise für 150 Euro über den Ladentisch gehen, gibt es für 15 Euro, Marken-T-Shirts für 50 Cent statt für 15 Euro und auch andere Produkte wie Haushaltswaren und Spielzeug werden für den Bruchteil des Originalpreises angeboten. Seit nunmehr sechs Jahren bietet das soziale Einkaufs- und Servicecenter der Jugendbildung Hamburg Geringverdienern die Möglichkeit, für kleines Geld hochwertige Produkte zu bekommen. Viele Spender Möglich ist das vor allem dank vieler großzügiger Spenden von Privatpersonen und größeren Unternehmen. „Teilweise kriegen wir Neuware, bevor sie offiziell auf den Markt kommt. Das ist natürlich toll für das Selbstbewusstsein unserer Kunden“, berichtete Projektleiter Mathias Keil enthusiastisch auf der Geburtstagsfeier vorigen Freitag. Als der Ausbilder von der Jugendbildung Hamburg gemeinsam mit seiner Kollegin Christina Zipprich das Projekt vor sechs Jahre startete, hätte er angesichts der hohen Kosten nie damit gerechnet, dass das „bezahlBAR“ länger als ein bis zwei Jahre bestehen könnte. Nun, sechs Jahre später, ist das Projekt eine Institution in Barmbek: 30.000 Artikel werden jährlich verkauft, stolze 2.300 Kundenkarten sind derzeit verteilt. Eine solche erhält jeder, der weniger als 850 Euro im Monat verdient und kann damit ein Jahr lang im „bezahlBAR“ einkaufen. Nach Ablauf der Frist muss eine aktuelle Geringverdiener-Bescheinigung vorgezeigt werden.Dass Mathias Keil auch nach sechs Jahren noch sichtbar für das Projekt brennt, ist aber nicht nur der hohen Kundenzahl, sondern auch dem Erfolg des zweiten großen Anliegens zuzurechnen: der Jugendförderung. Jugendliche mit schlechtem oder überhaupt keinem Abschluss erhalten hier die Chance, eine praxisnahe Berufsausbildung auszuüben, um später im Berufsleben Fuß fassen zu können. Die Tätigkeiten unterscheiden sich nicht von einer gewöhnlichen Ausbildung zum Kaufmann/-frau. An der Berufsschule lernen die jungen Azubis, wie das richtige Beratungsgespräch geführt wird, im Geschäft stehen der Kassiervorgang und praktische Beratungsgespräche auf dem Tagesplan. 160 Azubis changieren derzeit zwischen theoretischem Unterricht und Praxis, fünf bis sechs von ihnen sind im Wechsel täglich vor Ort dabei. Knapp ein Viertel der Azubi-Anfänger der „bezahlBAR“ geht bereits im ersten Jahr in eine betriebliche Ausbildung über, mehr als 85 Prozent der Azubis gehen zwei Jahre nach Beendigung der „bezahlBAR-Ausbildung“ einer sozialversicherungspflichtigen Tätigkeit nach. „Ein ehemaliger Azubi von uns hat einen steilen Aufstieg hingelegt und ist mittlerweile Geschäftsleiter in einem der Läden in der Flughafenhalle“, erzählt Projektleiter Keil stolz. Die Ausbildung soll den jungen Leuten helfen, Eigenständigkeit zu erlernen und ihre Probleme zu bewältigen. „Wir sind die Schnittschnelle: Einerseits arbeiten wir von der Jugendbildung mit Pädagogen und Lehrern zusammen, die den Jugendlichen bei der Problembewältigung helfen, andererseits durchlaufen sie eine Ausbildung und finden ins Berufsleben“, erklärt Keil. Elizabeth (18) und Burcu (19) sind zwei Azubis, die mit der Ausbildung bei „bezahlBAR“ ihren Weg ins Berufsleben beginnen wollen. „Es ist gut, dass man hier eine bessere Chance bekommt, wenn man einen schwächeren Abschluss hat. Und man fliegt nicht direkt raus, wenn man mal einen Fehler macht, man bekommt die Chance, sich zu ändern“, sagen sie. Nach der Ausbildung wollen sie möglichst noch das Abi oder Fach-Abi machen, um anschließend studieren zu können.
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