Wie ein kleines Paradies

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Jörg Hansen hat hier ein neues Zuhause gefunden. Fotos: Leuschen

Seit 85 Jahren finden Obdachlose im Bodelschwingh-Haus ein gutes Zuhause

Barmbek. Jörg Hansen hat einen grünen Daumen. Stolz zeigt der 48-Jährige auf die prächtigen Grünpflanzen in seinem gemütlichen Apartment. Seit zwei Jahren lebt der gebürtige Mecklenburger im Bodelschwingh-Haus, einer Einrichtung des Kirchenkreises Hamburg-Ost für alleinstehende wohnungslose Männer.
Jörg Hansen hat Glück im Unglück gehabt. Nach der Scheidung hielt ihn nichts mehr in seiner Heimat. In Hamburg fand der gelernte Schlosser Arbeit, er wohnte zur Untermiete. Als dem Hauptmieter gekündigt wurde, stand er plötzlich auf der Straße. „Ich habe mich dann beim Bodelschwingh-Haus vorgestellt, zwei Tage später konnte ich einziehen“, erzählt der ruhige Mann mit der markant-tiefen Stimme, und die Dankbarkeit ist spürbar. „Auf der Straße“, sagt er leise, „da würde ich nicht überleben können.“
Trotz Winternotprogramm ist die Lage der wohnungslosen Menschen in der Hansestadt dramatisch. Da wirkt das schöne Haus in der Humboldtstraße wie ein kleines Paradies. Vor 85 Jahren nahm das damals neu erbaute erste evangelische Obdachlosenheim für Männer seinen Betrieb auf. Im Laufe der Jahre war es mal Jugendwohnheim, mal Massenunterkunft mit bis zu 134 Schlafplätzen. Konflikte und Gewalt waren vorprogrammiert. Seit 1996 konzentriert sich das Bodelschwingh-Haus auf die Aufnahme von wohnungslosen Männern im Alter zwischen 25 bis 60 Jahren. Seit 2005 leben die Bewohner der Einrichtung in 45 Appartements mit eigener Dusche/WC und Küchenzeile. „Für sie ist es sehr wichtig, sich in die eigenen vier Wände zurückziehen zu können, auch mal ungestört zu sein. Das gibt ihnen ihre Würde zurück“, weiß Inka Damerau, Leiterin der Einrichtung.
Alkohol und Zigaretten sind in den Wohnungen erlaubt, ansonsten tabu. Wer hier lebt, der muss in der Lage sein, die Regeln des Hauses einzuhalten. Das ist für die Männer, die zum Teile lange auf der Straße gelebt haben, die im Gefängnis waren, Gewalt und Missbrauch erfahren haben oder süchtig sind, oft schwierig. Viele der Bewohner des Hauses sind krank, so wie Jörg Hansen, der durch eine schmerzhafte chronische Nervenerkrankung nicht mehr arbeiten kann.
Ein Team von kompetenten Sozialpädagogen unterstützt die Bewohner darin, sich wieder in einen geregelten Alltag einzufinden. Kochkurse, Freizeitangebote, Beratung in Behördenangelegenheiten gehören dazu. Denn für Einkäufe, das Wäschewaschen, Kochen oder Ordnunghalten in ihren Wohnungen sind die Bewohner selbst verantwortlich. Ergänzt wird das Angebot in der Humboldt-straße durch ein dezentrales Angebot für 25 Menschen, die weiter beraten und unterstützt werden. Die Nachfrage übersteigt das Angebot bei weitem.
Jörg Hansen hat im Bodelschwingh-Haus Freunde gefunden, mit denen er zusammen Karten spielt und regelmäßig kocht. Deshalb muss er sich auch beeilen, denn er ist mit dem Kochen dran: „Heute gibt es gefüllte Paprika.“ (leu)
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