„Zu viel Talent, um abstrakt zu bleiben“

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Maler Jens Cords hat ein bewegtes Künstlerleben mit Höhen und Tiefen hinter sich. Am 21. Juli wird er 83 Jahre

Der Maler Jens Cords: streitbar und mit Hinwendung zum Konkreten. Am 21. Juli wird er 83 Jahre alt

Hamburg Der Künstler sitzt auf seinem alten gestreiften Sofa und ist verärgert. Die neue Zahnprothese passt nicht. Und sie hat viel Geld gekostet. „Alles Pfuscher“, schimpft er auf die Zahnhandwerker, die nicht präzise gearbeitet haben. Der Künstler heißt Jens Cords. Präzision war bei seiner Arbeit, seinen Aquarellen, Radierungen, Siebdrucken und Ölbildern ungemein wichtig.
Jens Cords ist einer der bekanntesten Maler Hamburgs. Er hätte weltberühmt werden können … jetzt sitzt er auf dem alten Sofa in einem Seniorenheim in Bramfeld an der Berner Chaussee. Er kann nicht mehr malen. Durch den grauen Star und ein tragisches Unglück verlor er große Teile seiner Sehkraft.

‚„In neues Stadium“

Im Seniorenheim wird Jens Cords am 21. Juli seinen 83. Geburtstag feiern. Nur wenige alte Freunde werden sich bei ihm einfinden. Groß gefeiert wurde er in den 1950-er Jahren. Er war der „junge Wilde“ aus Hamburg-Rahlstedt, wurde mit dem Amerikaner Jackson Pollock verglichen. Die Zeitung „Welt“ schrieb im Februar 1957 über Cords: „Ein junges Talent, das die moderne Malerei aus ihrer formalen Erstarrung in ein neues Stadium geführt hat.“
Im Jahre 1960 der Absturz. Der Künstler hat ihn selbst in die Wege geleitet. Jens Cords, damals eine Galionsfigur der abstrakten Malerei, stellte genau diese Kunstform in Frage. Während einer Podiumsdiskussion bezeichnete er das Abstrakte als eine „Chance für den Übergang zu neuer Konkretion“ - also ein Zurück zur Gegenständlichkeit. Diese Aussage wurde als Skandal gewertet. Der Künstler wurde ausgebuht. Die großen Galeristen warfen ihn aus ihrem Programm. „Ich hatte wohl zu viel Talent, um abstrakt zu bleiben“, erklärt Cords später.
Über Nacht ist Jens Cords wieder ein „armer Künstler“ geworden. Er lässt sich nicht entmutigen, engagiert sich politisch, schließt sich der SPD an, kämpft gegen Umweltverschmutzung. Auf einem seiner Siebdrucke steht: „Eine gesunde Landwirtschaft ist der beste Umweltschutz“. Es beginnt seine „Rostphase“. Er malt weggeworfene Dosen, verrostende Autos. Rost ist für ihn ein Symbol der Vergänglichkeit. Er unterscheidet unterschiedliche Rostarten, u. a. Altrost, Trockenrost oder Schlammrost. In seinem Haus in der Veltheimstraße in Rahlstedt beginnt er zu sammeln, alte Lampen, Ölkännchen, Dosen und Totenschädel. Alles spiegelt sich in einen Arbeiten wieder. Auch hier Präzision.
Die Vorbereitung, einen alten Schuh zu malen, dauert 15 Jahre. Der Künstler vergräbt einen im Straßengraben gefundenen Schuh in seinem Garten, lässt ihn 15 Jahre ruhen. Nach 15 Jahren weiß er noch genau, wo dieser Schuh liegt. Er buddelt ihn aus und hat sein Motiv. Äußerste Präzision braucht er auch bei seiner Arbeit für den berühmten Künstlerkollegen Horst Janssen, für den er zwischen 1962 und 1972 etwa 30.000 Radierungen druckt. Cords lässt sich dafür in Stuttgart eine über zwölf Tonnen schwere Druckerpresse anfertigen und druckt auf sorgsam ausgesuchten handgeschöpften Papieren aus England, Frankreich und Japan.

Eigenes Museum

Jens Cords wird als Kunstmaler wieder gefeiert. Dann erneut ein Schicksalsschlag: Seine geliebte Frau Marie-Louise wird dement. Eine schreckliche Krankheit, bei der die Kranken alles um sich herum vergessen, aggressiv werden. Er versucht, sie zu pflegen. Bei der Essensvorbereitung schlägt sie mit dem Kochlöffel nach ihm, trifft sein Auge. Die Ärzte können es nicht retten. Der Künstler verschenkt die Druckerpresse, verkauft sein Haus in Rahlstedt, in dem er über 50 Jahre gewohnt hat und zieht mit seiner Frau in das Seniorenheim – doch sein Wunsch, mit seiner Frau in einem Zimmer zu leben, erfüllt sich nicht. Die Krankheit verschlimmert sich, sie erkennt ihren Mann kaum noch.
Im Zimmer des Künstlers liegen verwaiste Farben und Pinsel auf einer Staffelei vor dem Fenster. „Ich habe die letzte Stufe meines Lebens erreicht“, sagt der Maler, der sein Zimmer kaum noch verlässt, sich aber freut, wenn ihn alte Freunde besuchen. Doch auch dann kann er seine Traurigkeit nicht verbergen.
Der bedeutende Künstler wird nicht vergessen. Schon zu Lebzeiten hat Jens Cords sein eigenes kleines Museum. Dafür hat der Rahlstedter Bürgerverein gesorgt. Er hat das Atelier des Künstlers übernommen und im Böttgerhof, Rahlstedter Straße 32a, originalgetreu ausgestellt. Das Kunstmuseum wird noch erweitert. Auch der Rahlstedter Maler Herbert Grunwaldt wird dort ein Atelier-Zimmer bekommen. (je)
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