Als Horn noch Dorf war ...

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1840: Das „Rauhe Haus“, wie Wichern es 1833 übernommen hatte Postkarte im Archivbesitz
 
2017: Der 1979 entstandene Nachbau an historischer Stelle Foto: Gerd von Borstel

Reetgedeckte Kate „Rauhes Haus“ erinnert an vergangene Zeiten. Teil 24 der Serie „Horn – damals und heute“

Horn In der 24. Folge unserer Serie in Zusammenarbeit mit der Geschichtswerkstatt Horn betrachten wir das einzige reetgedeckte Haus im Stadtteil, welches an die alten Dorfzeiten erinnert: die Wichern-Kate auf dem Gelände des Rauhen Hauses. Der Horn-Chronist Gerd Rasquin hat sich wie kein zweiter mit ihrer Geschichte beschäftigt. Die Strohdachkate oben am Geesthang ist schon auf einer Landkarte vom 21. Mai 1745 eingezeichnet, doch wann genau sie erbaut wurde ist nicht überliefert. Die kleine Kate könnte ein Brinksitz gewesen sein. Das waren Häuser mit kleinem Grundstück am dörflichen Außenbereich, meist bewohnt von zweit- und nächstgeborenen Bauernsöhnen, die ihren Lebensunterhalt als Handwerker oder Tagelöhner bestreiten mussten, weil es für sie auf den elterlichen Höfen keine bezahlbare Arbeit gab. Zudem waren sie weitgehend rechtlos, durften kaum Land und auch nur eine Kuh besitzen. Es wird wohl die Lage auf dem Geestrücken gewesen sein, warum alle Dorfbewohner die abseits gelegene Kate „Rauhes Haus“ genannt haben, denn bis 1834 war das Areal der späteren Anstalt noch ein baumloses Feld, wie Wichern anfangs beschrieb. Wenn in kühleren Jahreszeiten starke Winde über die stets feuchte Marsch fegten, war das Strohdachhaus nicht gerade ein gemütlicher, sondern eher „rauher“ Ort. Auf jeden Fall ist bewiesen, dass die Bezeichnung nicht auf den Namen eines der Besitzer oder Bewohner zurückgeht. Am 11. Oktober 1794 erwarb Jacques de Chapeaurouge das sogenannte Barth’sche Land mit dieser Strohdachkate. Nächster Besitzer von Grundstück und Kate wurde 1832 Karl Sieveking. Schon zu Chapeaurouges Zeiten wohnte Johann Friedrich Jannack (1760–1827) in der Kate, der 1780 als junger Gärtnergehilfe nach Hamburg kam, wo er auf dem „Hammerhof“ der Familie de Chapeaurouge eine Anstellung fand. Nach dem Tode Jannacks lebten seine Witwe und die Kinder noch bis Himmelfahrt 1833 in dem Haus. In dieser Zeit konnte der damals 25-jährige Theologe Johann Hinrich Wichern führende Hamburger Politiker und Kaufleute davon überzeugen, dass es für verwahrloste und verwaiste Kinder aus den Elendsvierteln nur eine Hoffnung gab: Ein „Rettungsdorf“ vor den Toren der Stadt. Die Stiftung „Das Rauhe Haus“ wurde daraufhin am 12. September 1833 in der Hamburger Börsenhalle gegründet und der Senatssyndikus Karl Sieveking brachte sein Horner Flurstück mit der leerstehenden Kate in die Stiftung ein. Zum 1. November 1833 zog Wichern mit seiner Mutter und der Schwester Julie Therese in die recht heruntergekommene Kate. Am 8. November folgten die ersten drei Knaben aus der Hamburger Vorstadt St. Georg. Das Elend dort hatte Wichern als Sonntagsschullehrer kennengelernt. Am 28. Juli 1943, kurz nach 1 Uhr morgens, wurde die alte Kate von einer Fliegerbombe getroffen und brannte völlig aus. Erst 1979 entstand ein als Museum und Tagungsstätte dienender Nachbau, dem man 1983 sogar eine Briefmarke widmete. In der Nacht vom 15. auf den 16. September 2003 sorgte ein später gefasster Brandstifter für schwere Schäden, doch alle historisch wertvollen Gegenstände aus dem Wichern’schen Familienbesitz konnten glücklicherweise gerettet werden. Bereits am 10. September 2004 erstrahlte das historisch nachempfundene Bauernhaus wieder im neuen Glanz.

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