Bestandsschutz für Gewerbe

Anzeige
Als Aufwertung des Quartiers geplant: Der Entwurf von Czerner Göttsch Architekten sieht Lofts und Hausboote vor. Visualisierung: Czerner Göttsch Architekten
 
Projektentwickler Ron Stahl will am Billebecken bis zu 350 Wohnungen und Büros bauen. Fotos: Gemeinholzer

Wirtschaftsbehörde blockiert seit Jahren Wohnungsbau am Hammer Deich

Von Anne Gemeinholzer
Hamm-Süd. Wohnen, Arbeiten und Freizeit am Wasser verbinden und damit das Quartier am Hammer Deich aufwerten: Das ist die Vision von Projektentwickler Ron Riedberg Stahl. Für sein Vorhaben, am Billebecken Wohnraum zu schaffen, signalisierte auch die Stadt Hamburg Interesse. Doch seit fünf Jahren kommt Stahl keinen Schritt voran. Die Behörden blockieren das rund 41 Millionen Euro schwere Neubauprojekt auf einem Gewerbegrundstück, bei dem 350 Wohnungen und Büros entstehen könnten.
Ausgesprochen aktuell kann man den Architektenentwurf jetzt, fünf Jahre nach seinem Entstehen, wohl kaum noch nennen: Längliche transparente Baukörper, die in ihrer Formgebung an Ozeanriesen erinnern. Lofts für Wohnen und Arbeiten sollen in zehn mehrstöckigen Gebäuden entstehen, auf dem Wasser ist Platz für Hausboote.
„Wohnen und Arbeiten zu verbinden, ist ein Trend“, sagt Bauingenieur Stahl. „Ob in London oder Duisburg – überall werden Wasserlagen fantastisch umgenutzt für Wohnen und Arbeiten.“ Auch die Lage am Billebecken sei dafür ideal geeignet, sagt der Geschäftsführer von Heitmann Projektentwicklung und Investment und deutet über das Wasser auf einen nahen Bootsanleger. „Wir wollen nicht nur hier bauen, sondern auch die Freizeitwerte erhöhen.“ Eine Marina und einen Wanderweg am Ufer kann er sich vorstellen. Ron Stahls Haare wehen in der Brise, er steht auf dem Dach einer ehemaligen Farbenfabrik aus den 1950er Jahren. Das Gebäude müsste dem Projekt weichen. Ebenso die etwa 30 Gewerbebetriebe, die zurzeit auf dem Grundstück Hammer Deich 60-70 ansässig sind. „Hauptsächlich Import-Export, hier ist Multikulti“, sagt Stahl.
Die Bille beult sich auf Höhe des Hammer Deichs zu einem Becken aus. Auf der anderen Flussseite produziert ein Verpackungsunternehmen. Das ist einer der Gründe, warum die Wirtschaftsbehörde das Wohnungsbauprojekt schon vor fünf Jahren ablehnte.
Denn bestehende Industrie- und Gewerbebetriebe im Umfeld genießen Bestandsschutz. Auflagen für die Unternehmen zum Immissionsschutz, die eine benachbarte Wohnbebauung nach sich ziehen würde, sollen verhindert werden. Die Behörde argumentiert auch mit der Knappheit gewerblicher Bauflächen.
Von keinen nennenswerten Immissionen ging dagegen nach einer Untersuchung die Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt (BSU) aus; sie stufte das Gebiet am Hammer Deich nicht mehr als Industrie-, sondern als Gewerbegebiet ein, wie aus einem Gesprächsprotokoll vom August 2009 hervorgeht.
Auch die BSU – damals noch unter GAL-Senatorin Anja Hajduk – hatte vor, das Gebiet am Hammer Deich durch die Ansiedlung von Wohnbebauung aufzuwerten. Sie befürwortete eine B-Plan-Änderung für den gesamten Uferstreifen am Billebecken mit der Umwidmung des Industriegebiets in Wohnen und Gewerbe, so die Notiz von 2009. Unter SPD-Führung scheinen sich die Prioritäten aber geändert zu haben. Zumindest betont man nun den Schulterschluss mit der Wirtschaftsbehörde.
Dass nicht mit einem schnellen Baubeginn zu rechnen sei, darauf stimmte die BSU Stahl bereits vor vier Jahren ein: „Da das von Ihnen beplante Areal als ein Schlüsselgrundstück für die Entwicklung am Billebecken angesehen werden kann, ist mit einer kurzfristigen Verfügbarkeit für Wohnungsbau leider nicht zu rechnen“, heißt es in einer E-Mail vom Oktober 2008. Stahl sprang daraufhin der Investor ab. „Ich musste das Geschäft rückabwickeln, weil von der Stadt die Voraussetzungen für Wohnen und Gewerbe noch nicht geschaffen waren.“
Warum die Stadt sich weiterhin seinem Projekt versperrt, kann Stahl nicht verstehen – auch angesichts von Tausenden fehlenden Wohnungen. Schließlich sieht der vor einem Jahr geschlossene Wohnungsbauvertrag des Senats mit den Bezirken vor, das bisherige Neubauvolumen von 3000 Wohnungen im Jahr zu verdoppeln. Allein im Bezirk Mitte sollen jährlich 750 neue Wohnungen entstehen. Da habe der Projektentwickler wohl „Morgenluft gewittert“, vermutet man im Bezirksamt Mitte.
Keinesfalls nachgeben will in dieser Situation die Wirtschaftsbehörde.
Dort wird befürchtet, dass weitere Investoren die Gewerbe- und Industriegebiete Hammerbrook, Hamm-Süd und Billbrook für den Wohnungsbau entdecken könnten. „Das wäre zum nachhaltigen Schaden dieses größten Gewerbe- und Industrieareals in Hamburg außerhalb des Hafens“, macht die Behörde ihre Prioritäten klar. Nicht marktfähige Gewerbeflächen könnten aber im Einzelfall für den Wohnungsbau freigegeben werden.
Als Zugeständnis an den Wohnungsbaupakt. Im Fall „Hammer Deich“ aber sei die Marktfähigkeit „noch nicht abschließend beurteilt“. Stahl jedenfalls hat in fünf Jahren kein Unternehmen gefunden, das die etwa 13.000 Quadratmeter große Fläche haben wollte: „Ob es Pharma, Medizintechnik, Bau oder Logistik war: Alle haben abgelehnt.“
So werden wohl weiterhin die eingemieteten Autohändler, die Imbissbude, der Teppichhandel und der Taxibetrieb Bestandsschutz genießen. (ag)
Anzeige
Anzeige
1 Kommentar
6
Dirk Kienscherf aus Hamm | 27.06.2012 | 10:44  
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige