Das große Schnippeln in der Kuhle

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Edith Bönkendorf und Ruediger Cornehl schälen Kartoffeln fürs Stadtteilessen, das seit dem 1. Februar 2010 jeweils am letzten Sonnabend im Monat stattfindet Foto: Christa Möller
 
Dieter Kauczor mit Hündin „Emma“ vor dem vereinseigenen Kleinbus, einer Spende der Rotarier Foto: Möller

Rotary Club Hamburg-Alstertal unterstützt Billstedter einmal im Monat bei Vorbereitungen fürs Stadtteilessen

Von Christa Möller
Billstedt
Einmal im Monat steht ein ungewöhnlicher Termin in Ruediger Cornehls Kalender. Jeweils am letzten Sonnabend im Monat fährt er nach Billstedt zum Kartoffelschälen – oder was sonst so anliegt. Der Rotarier engagiert sich beim Stadtteilessen in der „Kuhle“.
Seit fünf Jahren unterstützt der Rotary Club Hamburg-Alstertal dieses Angebot auf Billstedts einzigem Bauspielplatz am Rantumer Weg 15 – finanziell, aber eben auch ganz persönlich, wovon beide Seiten profitieren. Denn, so Projektbetreuer Marcus Klippgen: „Wir fühlen uns als Partner und Freunde.“ Natürlich ist er selbst auch häufig hier aktiv. Was er an diesem Ort der Begegnung schätzt? „Das Ritual des gemeinsamen Mittagessens wird dort gelebt“, sagt Klippgen. „Essen ist ein sehr schönes verbindendes Element“, weiß auch Dieter Kauczor, Geschäftsführer des Trägervereins „Die Kuhle“.

Auch für Tiere ein Paradies


Zu gucken gibt es auch für erwachsene Gäste so allerlei: Auf dem Hof lebt ein Entenpaar, ebenso wie 25 Freilandhühner, die oft im Park spazieren gehen und auch schon in U-Bahn-Nähe gesichtet wurden. „Die kommen abends immer wieder“, sagt Dieter Kauczor, seit 1980 in der „Kuhle“ aktiv.
Der Bauspielplatz ist eines der Projekte des Trägervereins Aktionsgruppe Kinder- und Jugendhilfe Kaltenbergen, deren Geschäftsführer der Billstedter ist. Neben dem Federvieh gehören fünf Schafe, fünf Ziegen sowie zahlreiche Meerschweinchen und Kaninchen zum Kuhle-Team. Außerdem hat ein Kater, der auf den Namen „Garfield“ hört, sich hier ein neues Zuhause gesucht; ebenso Emma, Dieter Kauczors siebenjährige Hündin.
Ruediger Cornehl sitzt heute zusammen mit Edith Bönkendorf am Tisch. Cornehl, der beruflich Einkaufszentren plant und baut und in der Hafencity lebt, und die 77-jährige Rentnerin aus der Nachbarschaft haben beide ganz offensichtlich Spaß an ihrem ehrenamtlichen Einsatz. Edith Bönkendorf wohnt seit 25 Jahren im Stadtteil. Die „Kuhle“ ist für sie „ein kleines Paradies, es ist einfach wunderschön mit den Tieren und den Kindern.“
Seit etwa zwei Jahren hilft sie, backt Kuchen und bereitet das Stadtteilessen mit vor, das jeweils bis zu 130 Billstedtern Gelegenheit zum Klönschnack bietet, aber auch ganz praktische Hilfe leistet, wird doch das Haushaltsgeld in manchen Familien zum Monatsende recht knapp. Ruediger Cornehl schätzt die praktische Erfahrung, das Gefühl, „etwas Gutes zu tun, etwas Sinnvolles – das ist eine tolle Sache.“ Das gelang ihm beispielsweise auch, als kürzlich ein Junge kam, dessen Mutter am nächsten Tag Geburtstag hatte, und ihm fehlte ein Geschenk für sie. Kurzerhand hat er mit dem Jungen etwas aus Holz gebastelt. „Wir haben etwas Schönes zustande gebracht und er ist ganz glücklich nach Hause gegangen“, freut sich Cornehl, seit 15 Jahren Rotarier.

Nach dem Essen wird gesungen


Für das heutige Menü müssen 35 Kilogramm Kartoffeln geschält werden. Dabei helfen auch einige Kinder aus der Umgebung mit, an deren Tisch die 71-jährige Christel Reckling fleißig Unterstützung leistet. Sie kommt schon in die Kuhle, seit es den Bauspielplatz gibt. Einst spielte ihr Sohn hier, ebenso wie alle drei längst erwachsenen Enkel, von denen einer ebenfalls gelegentlich hilft. Schnippeln, aufdecken, Essen austeilen, anschließend abwaschen – „das Kochen funktioniert nur mit Ehrenamtlichen“, erklärt Dieter Kauczor.
Zu den Kartoffeln gibt es heute Eier und Spinat. Der kommt zwar aus dem Gefrierschrank, soll aber noch mit Zwiebeln und Gewürzen verfeinert werden, wie Erzieherin Ayla Yalcin erklärt. Sie plant das Menü, das vom Rotary-Club bezahlt wird, während die Stadt Hamburg die Lohnkosten für die Mitarbeiter der Kuhle trägt. Liebevoll gestaltete Einladungskarten liegen im Stadtteil aus und weisen auf den jeweils neuen Termin hin. Nach dem Essen folgt ein halbstündiges, besonderes Ritual, das gemeinsame „Singen mit dem Waschhaus-Chor“ unter Leitung von Andrea, und zum Abschluss gibt’s auch noch Kaffee und Kuchen. Kennengelernt hat Cornehl die Kuhle, als eine der wöchentlichen Rotariersitzungen ausnahmsweise mal am Ort des Spendeneinsatzes stattfand und nicht wie sonst im noblen Hotel Vier Jahreszeiten. In der „Kuhle“ treffen sich die Kinder, deren Eltern sich oftmals die längeren Betreuungszeiten im Ganztag nicht leisten können, aber auch viele Jugendliche aus der Nachbarschaft.
Für die Kinder bietet die „Kuhle“ einen zwanglosen Treffpunkt ohne Zeitplan und Angebote. Sie können an ihren Bretterhütten bauen oder einfach mal nichts tun. Aber auch die Mütter kommen gern regelmäßig zu diesem etwas anderen Stadtteiltreff.

Wein am Südhang


Der etwas tiefer gelegene Bauspielplatz auf dem Gelände einer ehemaligen Mülldeponie nahe der U-Bahnstation Steinfuhrther Allee hat in den über 40 Jahren seines Bestehens eine erstaunliche Wandlung vollzogen. Am Südhang hat eine Gruppe von sechs Müttern im vergangenen Jahr Obstbäume sowie Johannisbeer- und Stachelbeersträucher gesetzt. Auf dem terrassierten Hang gedeiht sogar Wein. Anstelle von Riesling oder Müller-Thurgau hat Dieter Kauczor allerdings Sorten wie „Erdbeertraube“, „Romulus“ oder „Muscat Bleu“ ausgewählt – schließlich soll die Ernte nicht gekeltert und getrunken, sondern gegessen werden. Außerdem gibt es Gemüsebeete. Die Frauen sind hier eigenverantwortlich aktiv. Ebenfalls in Eigenregie funktioniert das Frauenfrühstück, zu dem sich 15 bis 30 Frauen regelmäßig treffen.

Weitere Infos: Bauspielplatz Die Kuhle Rantumer Weg, Telefon 040-712 1824
post@diekuhle.de
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