Die Edlen vom Mittelalterorden Notre Billstedt

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Schwerter statt Handys, schicke Gewandung: Sire Guldan und seine Mitstreiter lassen die Vergangenheit aufleben

Von Christa Möller
Billstedt / Horn. Einige Passanten gucken etwas ungläubig: Nicht jeden Tag sind auf der Straße Rittersleute nebst Gefolge zu sehen. Ordensmeister Sire Guldan alias Patrick Busch sieht das beim Fototermin fürs Wochenblatt ganz gelassen. Gemeinsam mit zwei Freunden gründete er vor elf Jahren nach dem Besuch des Öjendorfer Mittelaltermarktes den Orden Notre Billstedt – ursprünglich eine „Schnapsidee“. Doch er blieb dabei und repräsentiert mit zwölf festen Mitgliedern und zehn Gefolgsleuten auf verschiedenen Märkten das Leben im Mittelalter. Dafür wird sich übrigens keinesfalls kostümiert. „Ein Kostüm ist eine Verkleidung, eine Gewandung stellt etwas dar“, erläutert Sire Guldan den Unterschied. Seine Ordensleute tragen die Farben schwarz und rot und „die Mitglieder sind immer verpflichtet, irgendwo ihr Wappen zu tragen.“ Das symbolisiere das Doppelkreuz, das früher von Rittern und Adligen getragen wurde, die keinem Erzbischof unterstanden, und zeige außerdem die Anfangsbuchstaben des Ordens, dessen Name aus einem Schulprojekt (Notre Billstedt und Beverly Horn) komme.
„Wir haben früher größtenteils in Billstedt gewohnt“, sagt Patrick Busch, der in früher Jugend schon Gefallen an Fantasy-Büchern sowie entsprechenden Filmen und Serien fand und irgendwann als Mönch gewandet zum Mittelalterfest ging. Er weiß: „Die französische Sprache war unter den hohen Herren durchaus schick.“ Der volle Ordensname kam später hinzu, „nachdem wir etwas recherchiert hatten.“ Daher weiß er: Kleine Ritterorden zum Schutz der Gemeinden im Bereich der Elbe gab es tatsächlich, und so heißt der Orden heute: „Notre Billstedt – Orden zum Schutze christlicher Gemeinden Nordelbiens zu Billstedt“. Schließlich entstand auch die Ordensgeschichte, laut Sire Guldan zu 90 Prozent historisch belegt. „Die letzten zehn Prozent sind passend dazu erfunden.“

Rotweingulasch und Maultaschen

Wenn Notre Billstedt zwischen April und Oktober ungefähr sechs bis acht mal sein Lager auf einer Mittelalter-Veranstaltung aufschlägt, dann geschieht das möglichst zeitgemäß. „Die Zelte sind mit Flokatis ausgelegt, darüber liegen Felle, und es wird nur auf offenem Feuer mit Drei-Bein-Kessel und gusseisernen Pfannen gekocht“, verrät Patrick Busch. Strom gibt es selbstverständlich nicht, und wer als erster aufsteht, schürt das Feuer.
Beim Heerlager werden weder Kartoffeln noch Paprika oder Mais aufgetischt – „das kannte man damals hier noch nicht“, erklärt seine Freundin Denise Wieghardt, die seit vier Jahren dabei ist, als Vizeköchin „Edana“. Verhungern muss aber niemand, es gibt Suppen und Eintöpfe, Rotweingulasch, Maultaschen und auch mal ein ganzes Schwein oder die so genannte Legionärsmahlzeit, bestehend aus Nudeln, Käse und Speck. Einmal hat Edana ein Curry gemacht – natürlich nicht, ohne den Ordensmeister zuvor um Erlaubnis zu bitten. Die passende Geschichte dazu: Das Currygewürz wurde auf der Seidenstraße „besorgt“. Ihren Durst löschen Orden und Trossvolk für gewöhnlich mit Wasser, Saft, Bier und Met. „Wir genießen aber auch die Leckereien, die an den Marktständen gibt“, sagt Patrick Busch. Melanie Vollmert, im Orden als Märchenfee Leila bekannt und zuständig für die Internetpräsenz des Ordens, dem sie seit 2006 angehört, ergänzt: „Glasflaschen dürfen nicht ins Lager mitgenommen werden.“ Auch Zigaretten sind tabu, aber Pfeife darf geraucht werden. Mobiltelefone sind nur für Notfälle erlaubt. Mit dabei sind allerdings Schwerter, Äxte und Schilde.
„Abschalten vom Alltag“
Patrick Busch hat schon als Schüler begonnen, chinesischen Schwertkampf zu erlernen und ist heute Trainer in einer Kampfkunstschule in Horn. Gerade hat er mit einer Freundin ein Showteam aufgebaut, das Vorführungen unter anderem für die Schule zeigt. Außerdem arbeitet er in der Seminarbetreuung. Für ihn ist das Eintauchen ins Mittelalter eine Möglichkeit, einfach mal abzuschalten und aus dem hektischen Alltag herauszukommen.“ Das gefällt auch Denise Wieghardt. Die gelernte Sport- und Fitnesskauffrau, macht sich gerade als Erzieherin selbstständig, will Rollenspiele für Kinder anbieten. Interessierte könnten grundsätzlich einmal beim Orden zu Gast sein, das erfordere aber die Zustimmung aller Mitglieder, betont der Ordensmeister.

Ziel: Visby in Schweden

Das Hobby der Mitglieder von Notre Billstedt ist zeitintensiv und auch nicht ganz billig, muss doch die passende Gewandung genäht oder gekauft werden und auch allerlei Zubehör ist vonnöten. Allerdings dürfen sie kostenlos an den Veranstaltungen teilnehmen, die sie gemeinsam mit vielen anderen Aktivisten bereichern, und sie bekommen auch Zeltplatz und Feuerholz umsonst. „Man beschäftigt sich spielerisch mit anderen, trifft etwa als Christ auf die Wikinger“, sagt Sire Guldan. Natürlich ist auch das arbeitende Volk dabei: Zu Notre Billstedt gehört beispielsweise eine Klöpplerin. Regelmäßig hält der Orden Tafelrunden (Gruppentreffen) ab, um weitere Planungen zu besprechen. Ein Wunschreiseziel für das nächste Jahr ist für Sire Guldan die schwedische Stadt Visby auf Gotland. Dort besuchte er mit Freunden im vergangenen Jahr ein Mittelalterfest, an dem fast die ganze Stadt beteiligt war.

Demnächst nahe Itzehoe

Auch Öjendorf wird einmal im Jahr zu einer mittelalterlichen Kleinstadt, dort erleben etwa 50.000 Besucher eine Wochenend-Zeitreise der besonderen Art, die dank vielfältiger musikalischer Events mehr Festival- als Marktcharakter hat. Etwas besinnlicher geht es in Hohenlockstedt bei Itzehoe vom 3. bis 6. Oktober zu, dem nächsten und letzten Reiseziel des Ordens Notre Billstedt in diesem Jahr.
u Mehr über den Orden finden Sie im Internet unter www.notre-billstedt.de
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