Dreigeteilt aus den Trümmern

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Horner Weg, Trümmerbahn, 1951

Hammer Geschichte, Teil 3

Am 3. Mai 1945 überqueren britische Panzer die Elbbrücken. In Hamburg ist der Zweite Weltkrieg vorbei und auch für Hamm geht ein jahrelanger Alptraum zu Ende.
Doch mit dem Frieden ist längst nicht der Wohlstand ausgebrochen. Zwar strömen die vielen Hammer, die ohne ihre Heimat nicht sein wollen, aus ganz Deutschland zurück, 1946 werden bereits wieder mehr als 7000 Einwohner gezählt. Aber gerade die Winter sind hart und vom Hunger bestimmt. Auch im Frieden geht es um kaum mehr als das Überleben.
Unversehrte Gebäude werden zuerst von den Besatzern requiriert. Über Hamm verfügen die Engländer von der Osterbrook-Schule aus.
Zusammenhängende Gebäude, die ohne wesentliche Schäden die Operation Gomorrha überstanden haben, gibt es nur wenige. Allenfalls im Nordosten finden sich steinerne Überlebende. Zum Beispiel die noch aus der Schumacher-Phase um 1930 stammenden Häuser Am Elisabethgehölz. Sie werden für die nächsten Jahrzehnte in der Ausstattung kaum verändert das Gefühl bestimmen, noch auf die traditionelle Hamburger Art zu leben. Wer soll da auch ahnen, dass fast 70 Jahre später die Fähigkeit, auch im Einfachen glücklich leben zu können, zur Kollision mit den Plänen einer Wohnungsbaugenossenschaft führen, die guten Willens auch nur Modernität und Komfort für ihre Mitglieder im Auge hat. Was britische Bomben nicht vermochten, könnte nun auf deutsche Art erledigt werden: Der „Rettet Elisa“-Konflikt bestimmt jedenfalls seit Monaten die Hammer Schlagzeilen.
Es dauert, bis die Konturen des neuen Hamm sichtbar werden. Hamburg ist bereits wieder weitgehend souverän, da fangen die Hammer mit dem Räumen erst so richtig an. Bis 1954 werden mit einer Schienenanlage, der so genannten Trümmerbahn, vom Thörls Park aus Tausende Tonnen Schutt den Horner Weg entlang nach Öjendorf abtransportiert. Dort leisten die Trümmer bis heute ein gutes Werk, denn aus ihnen erwächst der Öjendorfer Park.
Unterdessen ist seit 1951 aus heute kaum mehr nachvollziehbaren Gründen das alte Hamm geteilt worden. Es gibt jetzt drei verwaltungstechnisch unabhängige Stadtteile: Hamm-Nord (bis zur Hammer Landstraße, also das ehemalige Oben-Hamm), Hamm-Mitte (bis zum Mittelkanal) und Hamm-Süd. Hamm-Süd erleidet ein ähnliches Schicksal wie der einst so stolze Brudervorort Hammerbrook: Wo einst Zehntausende Menschen lebten, veröden nun graue, tote Gewerbegrundstücke den Blick auf Bille, Mittel- und Südkanal.
Vor allem im Norden Hamms wird nun aber das, was der Volksmund später als Wirtschaftswunder bezeichnet, auch architektonisch wahr. Kaum sind die Trümmer beseitigt, wird gebaut. Und wie. Es sind vor allem die großen Wohnungsbaugenossenschaften, die ein Haus nach dem anderen hochziehen (gebaut wird jetzt nach den schlechten Feuersturmerfahrungen vorzugsweise in Blöcken). Mit Stolz wird an vielen Häuser die Information angebracht: „Zerstört 1943, wiederaufgebaut 195sowieso“. Im traditionell roten Hamm passt der rote Klinker.
Hamburgs Erster Bürgermeister Kurt Sieveking, ausnahmsweise von der CDU, aber mit Heimvorteil am Start, kann optimistisch den Grundstein für die neue Hammer Kirche legen, die ein Jahr später eingeweiht wird.
Der Anblick dieser Kirche schockiert viele Hammer. Gerade die, welche in der alten noch getauft, konfirmiert oder vermählt werden. Aber irgendwann sind auch sie halbwegs versöhnt mit Waschbrett und Wäscheklammer, wie die Kirche mit ihrer unverwechselbaren Form bald genannt wird. Heute sticht die Dreifaltigkeitskirche unter den zahlreichen Hammer Gotteshäuser heraus. Sie ist das verbindende Wahrzeichen des Stadtteils.
Fortschritt also überall, es wird nach vorne geschaut. Doch als Bundespräsident Richard von Weizsäcker 1985 das Kriegsende offiziell zum „Tag der Befreiung“ ernennt, ist der Weg für Lokalhistoriker und engagierte Bürger frei. Auch in Hamm. 1987 wird das Stadtteilarchiv Hamm gegründet, 1997 öffnet das Bunkermuseum im Garten der Wichernkirche seine Pforten. Als Hamm im Mai 2006 seinen 750. Geburtstag feiert, liegt man sich nicht gerade in den Armen, aber ist mit sich im Reinen. Sprüche von Außenstehenden wie „Hamm und Horn schuf Gott im Zorn“ lässt man über sich ergehen. Man weiß es besser. Dafür braucht er 2011 nicht mal ein großes Jubelfeuerwerk, als aus Hamm-Nord, Hamm-Mitte und Hamm-Süd wieder ein einziges Hamm wird.

In der nächsten Ausgabe lesen Sie den 4. Teil der Geschichte(n) aus dem Stadtteilarchiv Hamm: Kirchenpauer, Kirchen-Power – Schule, Bildung, Religion
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