Ein Arzt für 5.500 Kinder

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5.500 Kinder auf einen Arzt. Im Gesundheitswesen gibt es Probleme Foto: thinkstock
 
50 Experten waren zum Fachgespräch beim Netzwerk „Billenetz“ gekommen Foto: wb

Gesundheitsdebatte bei „Billenetz“

Von Martin Jenssen
Billstedt
Mit dem Projekt „Guter Start für Hamburger Kinder“ möchte die Hansestadt allen Kindern einen guten Start ins Leben garantieren. Eine optimale Vernetzung zwischen Behörden, sozialen Leistungsträgern und Ärzten soll Eltern den Zugang zu Hilfsangeboten erleichtern, bevor kleine Schwierigkeiten zu großen Problemen werden. „Alle Kinder, in welcher Familie oder in welchem Hamburger Stadtteil sie auch leben, sollen die gleichen Entwicklungschancen bekommen“, verspricht die Gesundheitsbehörde.

Probleme erkannt


Der Anspruch ist jedoch noch weit von der Wirklichkeit entfernt, vor allem in den sozial schwächeren Stadtteilen. Das wurde bei einer Diskussion zwischen 50 Sozial- und Gesundheitsexperten aus den Stadtteilen Billstedt, Horn und Mümmelmannsberg deutlich. Zu dem Fachgespräch über die Gesundheitsversorgung hatte das Netzwerk „Billenetz“ eingeladen.
„Schon seit Jahren besteht ein deutlicher Mangel an Fach- und insbesondere an Kinderärzten in Billstedt, Horn und Mümmelmannsberg, der durch den Zuzug zahlreicher neuer Bewohner noch dramatisch verschärft wird“, erklärte Billenetz-Sprecherin Bettina Rosenbusch.
Aus dem Mangel an Ärzten in den östlichen Stadtteilen Hamburgs resultieren wiederum überfüllte Wartezimmer und gestresste Ärzte. Junge Mediziner könnten den Mangel beheben, aber sie rücken nicht nach. Fachärzte scheuen eine Niederlassung in sozial schwachen Regionen, da sie nicht mit Privatpatienten und Selbstzahlern rechnen können.
Die Gesundheitsversorgung für die Bewohner von Billstedt, Horn und Mümmelmannsberg ist durch die Unterversorgung mit Ärzten stark gefährdet. „Sehr viele Bewohner dieser Stadtteile fahren nicht in andere Bezirke, um einen Facharzt aufzusuchen. Ist der Facharzt nicht vor Ort, gehen sie überhaupt nicht zum Arzt“, berichtete einer der teilnehmenden Ärzte aus Mümmelmannsberg. „Gesundheitsvorsorge ist ein Menschenrecht und wichtiger Bestandteil der Integration.“

Frageliste erstellt


Als Arzt wird man bestraft, wenn man dort arbeitet, wo man gebraucht wird. Ein Beispiel ist Dr. Karl Robert Schirmer, der einzige noch verbliebene Kinderarzt in Horn. Dort ist er eigentlich zuständig für rund 5.500 Kinder und Jugendliche. Eine Aufgabe, die gar nicht zu bewältigen ist. Um möglichst viele Kinder zu behandeln, schuftet der Arzt häufig über zwölf Stunden am Tag. Er behandelt bis zu 2.400 Kinder pro Quartal. Fast die Hälfte seiner Behandlungen darf er gar nicht abrechnen. Den Teilnehmern des Fachgesprächs ließ der Kinderarzt beste Grüße ausrichten: Er wäre gerne persönlich dabei gewesen, konnte seine Praxis aber nicht schließen. Eine Schieflage gibt es auch bei den viel zu schwach besetzten Mütterberatungsschwestern. Eine Mitarbeiterin des Kinder- und Familienzentrums Dringsheide beklagte, dass die Babybegrüßungs-Hausbesuche nicht mehr im vollen Umfang durchgeführt werden können, weil die Mütterberatungsschwestern vor kurzem die Zuständigkeit für die Kontrolle der U6/U7-Vorsorgeuntersuchung übernehmen mussten. Über 600 Hausbesuche hätten nicht mehr stattfinden können. Ein wichtiger Kontakt für die jungen Mütter geht dadurch verloren. Nach Beendigung der Diskussion stellten die Teilnehmer eine Frageliste zusammen, die den Behörden, dem Bezirksamt sowie den Bürgerschafts- und Bezirksfraktionen zugeschickt wird.
Diese Institutionen werden dringend gebeten, sich dazu zu äußern, wie das bereits seit Jahren bestehende Defizit bei der Versorgung mit Fach- und Kinderärzten wirksam behoben werden kann, welche Anreize geschaffen werden können, um zusätzliche Hebammen, Ergotherapeuten und Logopäden für die Arbeit in der Region zu gewinnen und wie die Gesundheitsversorgung in den Flüchtlingsunterkünften sichergestellt werden kann.

Weitere Infos: www.billenetz.de
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