Entdeckung der Langsamkeit

Anzeige
In den Vier- und Marschlanden ist die Welt noch in Ordnung: Blick vom Sonnendeck auf eine Kolonie von Graugänsen Foto: ks
 
Imposant: Einfahrt in das Schiffshebewerk bei Scharnebeck Foto: ks
 
Besonderer Tag: Manfred Schumann und seine Frau Sylvia aus Marienthal feierten seinen Geburtstag an Bord Foto: ks

Abenteuer- und Natur-Tour. Das Wochenblatt hat den Test geMacht: In vier Tagen mit dem Schiff von Bergedorf nach Berlin

Von Klaus Schlichtmann

Hamburg Mit dem Zug dauert‘s knapp zwei Stunden von Hamburg nach Berlin – wenn der ICE pünktlich ist. Mit dem Auto kommt man in knapp drei Stunden in die Hauptstadt. Ich war jetzt vier Tage lang unterwegs an die Spree – von Bergedorf aus mit dem Schiff nach Berlin-Mitte. Eine ungewöhnliche Flußreise, die ich da mit 26 weiteren Gästen an Bord der „Serrahn Queen“ unternommen habe.

Unser Schiff ist 33 Meter lang, 5,16 Meter breit und bietet auf diesem Törn im Salon unter Deck bis zu 50 Personen Platz. Weitere Plätze befinden sich auf dem Sonnendeck, auch bequeme Liegestühle. Um 8.51 Uhr wirft Kapitän Heiko Buhr (45) im Hafen von Bergedorf die zwei 125 PS-Dieselmotoren an und legt ab.
Nun ist der Schiffsführer in seinem Element. „Mein Vater war Flussschiffer auf einem Tankschiff und hat mich oft mitgenommen“, erklärt der Käpt‘n. An seiner Seite im Steuerhaus: Dennis Dabelstein (21), Binnenschiffer-Azubi im zweiten Lehrjahr. Zur Besatzung gehören noch Mareijke (29), „Mädchen für alles“ an Bord und Lebensgefährtin des Käpt‘n. Und Adriana (27) aus Peru. Sie studiert Umwelttechnik und lebt seit zehn Jahren in Hamburg.

Auf geht’s zur entschleunigten 402 Kilometer langen Abenteuer-Natur-Tour. Schon kurz nach dem Ablegen wird auf der Dove-Elbe das maritime Frühstück-Büfett mit Krabben, Garnelen & Co. aufgebaut, während das Schiff mit
14 km/h durch das Wasser gleitet, vorbei an Störchen und Komoranen, Graugänsen-Kolonien und Kühen, die knietief im Wasser stehen. Durch die großen Panorama-Fenster haben die Gäste an ihren reservierten Tischen einen tollen Blick auf diese Landschaft.

Anfangs ist das Klima unter den Passagieren noch ein wenig reserviert, aber das gibt sich rasch, auf dem Sonnendeck und im Salon kommt die individuelle Reisegruppe schnell miteinander ins Gespräch. Erster Höhepunkt: die Elbschleuse in Geesthacht, die meisten Fahrgäste sind nun an Deck. Vorn am Bug der „Serrahn Queen“ flattert eine rote Fahne im Wind. So wird dem Schleusenwärter signalisiert, dass das Schiff vorrangig in die Schleuse einfahren darf, um lange Wartezeiten zu vermeiden. In der Schleuse wird das Schiff vier Meter angehoben, die Tore öffnen sich und weiter geht’s, Kilometer für Kilometer, 278 und neun Schleusen werden es bis zum Ziel sein, dazu kommen 124 Kilometer Busetappen. 12 Uhr – Mittagszeit, im Salon ist diesmal ein vegetarisches Büfett vorbereitet: Gemüse-Vollkornbrätling, Tomaten-Zucchini-Sugo und Kräutertagliarini.

Viele der Passagiere haben Kreufahrt-Erfahrung. Sie waren auf Donau und Seine unterwegs oder mit einem Luxus-Cruiser im Mittelmeer und der Karibik. Elbe, Elbeseiten-Kanal, Mittelland-Kanal, Haval-Kanal und Spree ist für fast alle „Neuland“. „Gerade deswegen haben wir diese Reise gebucht“, sagt Ilse Rogalla (58), Bankangestellte aus Winterhude. Sie ist mit ihrem Partner Burkard Klapper (61), unterwegs. „Wir sind neugierig auf die Landschaften am Wasser. Und wir wollen entspannen und relaxen“, erklärt der Ingenieur.

Von der Elbe geht‘s bei Artlenburg in den Elbe-Seitenkanal. Am Horizont taucht nun ein beeindruckendes Bauwerk auf – das Schiffshebewerk Scharnebeck, das zweitgrößte seiner Art in Europa. 38 Meter wird unser „Dampfer“ nun in einem Trog nach oben gehievt – ein spannender Moment. Oben angekommen geht’s nach Lüneburg. Dort steht ein Bus, der uns in ein Hotel nach Bad Bevensen bringt. Am nächsten Morgen geht’s weiter – zunächst mit einem Bus nach Bad Bodenteich, dann wieder auf die „Serrahn Queen“.

„Endlich einmal raus aus dem Alltagstrott“


Am Nebentisch unten im Salon stoßen Manfred Schumann und seine Frau Sylvia (72) aus Marienthal auf einen besonderen Tag an – es ist der Geburtstag des ehemaligen Konditormeisters, die Schiffsreise nach Berlin das gemeinsame Geschenk. Auch Magdalena Kruse (70) aus Ohlstedt hat ihrem Mann Hans-Werner den Törn zum Geburtstag geschenkt. „Es ist eine entspannte Art zu reisen, außerdem kommt man mal raus aus dem Alltagstrott, macht neue Bekanntschaften“, freut sich der ehemalige Bau-ingenieur.
Nach knapp fünf Stunden erreichen wir unser vorläufiges Reiseziel: Wolfsburg. Wer mag, kann nun für 26 Euro an einer Geländeführung bei VW teilnehmen oder gegenüber in einem Mode-Outlet shoppen gehen. Nach drei Stunden Zwischenstopp geht es dann zur Hotel-Übernachtung weiter mit dem Bus nach Magdeburg.

Tag 3 – nun wieder mit dem Schiff nach Brandenburg inklusive Überquerung der Elbe auf der weltweit längsten Kanalbrücke (knapp einen Kilometer). Ankunft Brandenburg, noch genügend Zeit für einen Stadtbummel. Schöne Überraschung: abends findet im Hotel eine private Geburtstagsfeier statt – die Schiffstouristen werden zum Tanz eingeladen.

Tag 4 – die schönste Passage der Tour. Vorbei an der idyllischen Blütenstadt Werder und dem lebhaften Ausflugsziel Caputh (bekannt auch durch Einsteins Sommerhaus) geht es durch Potsdam mit seinen historischen Gebäuden und schließlich auf den berühmten und belebten Wannsee. Nach einer Sightseeing-Tour auf der Spree durch Berlin legen wir schließlich am Schiffbauerdamm an – der Bus zum Hotel steht schon bereit.

Am nächsten Tag nach dem Frühstück nehmen einige Passagiere noch an einer Stadtrundfahrt teil, andere treffen Freunde oder Verwandte, viele machen sich auf den Heimweg, die meisten mit dem ICE. Ein Paar aus Barmbek aber hätte auch gleich an Bord bleiben können: Bernd Simon (56) und seine Partnerin Felicitas Herzberger (57) fahren mit der „Serrahn Queen“ auf gleicher Route zurück nach Bergedorf. „Wir wollen noch ein wenig Vitamin D tanken und die Landschaft mit den winkenden Menschen an uns vorbei ziehen lassen“, freuen sich die Reha-Unternehmer auf den langen Heimweg.

Die nächste Mini-Kreuzfahrt von Bergedorf nach Berlin findet vom 13. bis 17. September statt. Im kommenden Jahr werden fünf Berlin-Fahrten angeboten.
Weitere Informationen: 040/73675690 oder www.barkassenfahrt.de

Alles Wasser

Die Elbe entspringt in Tschechien, fließt durch Deutschland und mündet nach rund 1000 Kilometern in die Nordsee.

Die Spree ist ein knapp 400 Kilometer langer linker Nebenfluss der Havel im Osten Deutschlands. Der Zusammenfluss von Spree und oberer Havel liegt in Berlin-Spandau.

Der Elbe-Seitenkanal ist rund 115 Kilometer lang, wurde nach achtjähriger Bauzeit am 15. Juni 1976 eröffnet und bildet die Verbindung zwischen Elbe und Mittellandkanal.

Der Elbe-Havel-Kanal ist
55 Kilometer lang. Er beginnt am Mittellandkanal und führt bis zum Plauer See bei Brandenburg an der Havel.

Der Mittellandkanal ist mit 325,3 Kilometern Länge die längste künstliche Wasserstraße in Deutschland. (wb)
Anzeige
Anzeige
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige