Hamburg: Aus nach 30 Jahren

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Seit 30 Jahren hat Hans Grönwoldt ein Geschäft in Billstedt, erst ein Reisebüro, dann ein Kiosk Foto: mt
 
Der Kiosk an der Billstedter Hauptstraße ist wahrscheinlich nur noch wenige Tage geöffnet Foto: Google Maps

Wie Geschäftsmann Grönwoldt kämpfte – und verlor

Von Marco Thielcke
Hamburg. Zum ersten Mal seit 30 Jahren weiß Hans Grönwoldt nicht was er machen soll. Seit 1984 hat der 66-Jährige ein Geschäft in Billstedt. Zehn Jahre gehörte ihm ein Reisebüro am Billstedter Platz, dann zog er an die Billstedter Hauptstraße. 2003 wurde aus dem Reisebüro ein Kiosk, indem Grönwoldt bis heute hinterm Tresen steht. Nun ist er pleite und muss schließen.
Der Tabakwarenverkäufer hält ungläubig den Brief vom Amtsgericht Hamburg in der Hand, der die Eröffnung seines Insolvenzverfahrens ankündigt. „Hier geht es um meine Existenz“, sagt Grönwoldt und blickt auf die zwei Seiten Papier. „Der Insolvenzverwalter übernimmt die Abwicklung des Unternehmens“, muss der Bill-
stedter lesen. Wenn es nach seinem Vermieter der F+R Vermögensverwaltungs GmbH geht, wären die Zeitungen und Magazine schon am 31. März aus den Regalen verschwunden. Per Gerichtsurteil geht es aber erstmal weiter, bis der Insolvenzverwalter das Unternehmen abgewickelt hat. Zu Hans Grönwoldts Unternehmen gehört ein 35 Quadratmeter großer Kiosk und eine fast dreimal so große leerstehende Fläche auf der noch bis Februar ein Nageldesign-Studio war. Doch die Nageldesigner zogen aus, seitdem muss Grönwoldt die Miete von über 2.800 Euro für beide Geschäfte bezahlen. Die ist für Grönwoldts Handel mit Zigaretten, Zeitungen und Lottoscheinen aber viel zu hoch und eine Einigung mit dem Vermieter ist laut Grönwoldt nicht in Sicht, denn der verlangt immer mehr Geld. „Zuletzt wurde mir ein zweijähriger Vertrag angeboten. Die Miete sollte um mehr als 40 Prozent steigen“, sagt Grönwoldt.Trotz Krise hat der Kiosk-Besitzer für jeden seiner Kunden einen lockeren Spruch auf den Lippen, viele kennt er noch persönlich. Kaum einer der nicht noch ein paar Minuten länger im Kiosk bleibt, um mit Grönwoldt zu schnacken.
„Früher plante und buchte halb Billstedt seinen Urlaub bei mir“, sagt der Kaufmann. Mit früher meint Grönwoldt die neunziger Jahre als nicht nur ein erfolgreiches Reisebüro hatte, sondern auch im Vorstand des Billstedter Sportvereins Vorwärts Wacker aktiv war.
Die Probleme, mit denen der Ladenbesitzer kämpft, sieht man ihm auf den ersten Blick nicht an, obwohl dem Kaufmann offenbar nur noch wenige Tage in seinem Kiosk bleiben.
Grönwoldt hat schon einige Krisen hinter sich, aufgegeben hat er nie. 1994 stand er auch vor dem Aus, als sein Reisebüro dem Billstedt-Center weichen musste. Doch Grönwoldt suchte sich ein neues Geschäft und machte weiter. Vor elf Jahren dann der nächste Gau. Der Geschäftsmann investierte über 100.000 Euro in eine Bäckerei, die er jedoch wenig später mit einem Totalverlust wieder schließen musste. Nichts konnte den Geschäftsmann bisher aus der Bahn werfen, doch nun kommen Zweifel. „Am schwersten ist, dass ich mein Versprechen, das Geld für die Bäckerei zurückzuzahlen, nicht halten kann“, sagt Hans Grönwoldt. Den Kredit hätte er fast abbezahlt, doch ohne ein Einkommen ist auch der Restbetrag zu hoch.
Nur in ruhigen Momenten, wenn er an seine Zukunft denkt, siegt die Verzweiflung. Dann senkt Grönwoldt den Blick und aus seinem Gesicht verschwindet jede Zuversicht und Lebensfreude. Ratlos versucht er Pläne zu fassen. Bei dem Gedanken an den Ruhestand seufzt er auf. „Das ist nichts für mich. Ich bin gesund und der Kiosk läuft auch gut“, sagt der Händler. Hans Grönwoldt will unbedingt weitermachen. Wie, das weiß er noch nicht, „aber es muss auf jeden Fall in Billstedt sein“.
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