Hamburg: Die „Lesemaus“ begleiten

Anzeige
Vian freut sich immer auf die Leseförderstunden mit Gerda Fittkau Fotos: Christa Möller
 
Dieses Fotoheft hat die Mentorin für ihre wissbegierige Schülerin selbst gestaltet – als Geburtstagsgeschenk für Vian

Projekt „Mentor“: Ehrenamtlich Kindern helfen – so wie Gerda Fittkau

Von Christa Möller
Hamburg. Gerda Fittkaus Schulzeit liegt schon etwas länger zurück. Trotzdem kommt die Rentnerin immer noch regelmäßig in die Schule - um Kindern mit Nachholbedarf beim Lesen lernen zu helfen. Die kleine Vian ist vor etwa fünf Jahren mit ihrer Familie aus dem Irak nach Deutschland gekommen. Ihre Eltern sprechen nur Arabisch, der ältere Bruder ist schwerbehindert, der kleine erst ein Jahr alt.
Vian spricht inzwischen gut Deutsch, aber beim Lesen lernen braucht die Drittklässlerin, die die Schule Am Schleemer Park in Billstedt besucht, noch Hilfe. „Die langen Worte las sie erstmal in Silben, dann hat sie versucht, sie im ganzen zu lesen, ohne dass ich sie gebeten hätte“, erzählt Gerda Fittkau, die seit Sommer 2013 Vians Leselernhelferin ist. „Sie ist eine kleine Dolmetscherin für ihre Familie.“ Inzwischen hat Vian den Lernstoff gut aufgeholt - nicht zuletzt dank Gerda Fittkau. Seit 2008 engagiert sich die 75-Jährige ehrenamtlich für den Verein „Mentor – Die Leselernhelfer Hamburg“, der deutschlandweit tätig ist und allein in der Hansestadt etwa 800 Mentoren vermittelt hat. Als eines von acht vorbildlichen Projekten für gesellschaftliches Engagement im Norden Deutschlands wurde der Verein gerade vom „Bündnis für Demokratie und Toleranz – gegen Extremismus und Gewalt“ mit dem Preis „Aktiv für Demokratie und Toleranz“ ausgezeichnet.

Ein Schuljahr lang

„Das Besondere ist, dass wir 1:1 arbeiten“, sagt Gerda Fittkau. Soll heißen: Ein Leselernhelfer und ein Schüler treffen sich für eine Wochenstunde, das heißt, insgesamt 40 Stunden pro Schuljahr, zum Lesen lernen. Dieses Jahr ist für Vian im Sommer um. Gerda Fittkau bekommt dann eine neue Schülerin, ihre fünfte, ein Mädchen mit türkischen Wurzeln. Allerdings plant sie, die wissbegierige kleine Billstedterin trotzdem weiter zu begleiten, um sie noch ein bisschen weiter zu
fördern.
„Mentor“ stellt den Leselernhelfern ehrenamtlich tätige Koordinatoren zur Seite, sie betreuen die Mentoren einer Schule und koordinieren die Zusammenarbeit zwischen Mentor und Schüler und zwischen Schule und Verein. Ansprechpartner für Gerda Fittkau ist Koordinator Peter Thomsen, ein pensionierter Schulleiter.
Vor sechs Jahren sah die Mutter zweier Söhne auf der Suche nach einem passenden Ehrenamt bei der Messe Aktivoli eine Broschüre des Vereins
„Mentor“. Für sie war wichtig: „Ich gebe alles, es soll aber auch mir Freude machen. Es ist ein großes Glück und eine Bereicherung für mein Leben, wobei ich noch ganz, ganz viel gelernt habe.“ Kürzlich hatte Vian Geburtstag, die begeisterte Fotografin Gerda Fittkau hat ihr ein Fotoheft geschenkt mit vielen Bildern „und Geschichten, die wir gemeinsam gelesen haben.“ Ihre Freundin hat sogar noch eine Tasche dafür genäht.
Die Bücher kauft die Bergedorferin unter anderem auf Flohmärkten. Zwar könnte sie auch in die Bücherei gehen, aber besonders zu Beginn brauchen die Förderkinder doch etwas länger, so dass die Ausleihzeit nicht ausreichen würde. Beim Lesen wechseln sich Mentorin und Förderkind ab, Vian und Gerda Fittkau lesen gerade Abenteuergeschichten aus dem Buch „Die Baumhauskinder.“ Tipps für die Buchauswahl bekommen die Leselernhelfer vom Verein, der jährlich eine Liste mit Buchvorschlägen zusammenstellt. Von „Mentor“ gibt es auch drei kleine Auszeichnungen, die den Kindern den Weg versüßen sollen: „Nach 20 Lerneinheiten ist man ein Lesefloh, nach zehn weiteren eine Lesemaus und zum Schluss, nach 40 Stunden, eine Leseratte“, erklärt Gerda Fittkau. Dieses Ziel hat Vian, die sich immer sehr auf die Leseförderstunden freut, schon fast erreicht.

Die Eltern kennt sie auch

Für Gerda Fittkau ist es wichtig, auch die Eltern ihrer kleinen Schüler einmal kennenzulernen, „sie sollen sehen, wer die Frau ist, die ihr Kind betreut“, sagt sie. In den Ferien macht die gelernte Steuerfachgehilfin, die später im Büro gearbeitet hat und auch eine zeitlang Taxi gefahren ist, auch schon mal einen Ausflug mit den Kindern. Von „Mentor“ gibt es unter anderem Karten für die Kinderoper oder fürs Weihnachts-märchen. Ansonsten ist sie vielfältig interessiert, kocht gern und gehört seit acht Jahren zur deutsch-türkischen Frauengruppe „Lena“, einem früheren EU-Projekt bei der Volkshochschule Billstedt. Und „mit 70 habe ich noch einen PC-Kursus für Senioren gemacht.“ Wenn sie Fragen hat, weiß auch sie, an wen sie sich wenden kann: „Beim PC-Treff an der Billstedter Volkshochschule gibt es immer Tipps.“ Gegenseitige Hilfe – ein gutes Netzwerk kann so viel für Menschen erreichen.

Wer MENTOR unterstützen möchte, besonders Koordinatoren werden zur Zeit noch gesucht, findet nähere Infos unter mentor-hamburg.de
Anzeige
Anzeige
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige