Hamburg: Warum dieser Kranz mehr als vier Kerzen hat

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Der Kranz im Rauhen Haus: große weiße Kerzen für die Sonntag, kleine rote für die Werktage Foto: Wallocha
 
Johann Heinrich Wichern (1808-1881), war Theologe und Pädagoge Foto: wb

Vor 175 Jahren entzündete Johann Heinrich Wichern im Rauhen Haus den ersten Adventskranz

Von Misha Leuschen
Hamburg. In diesen Tagen steht der Adventskranz in vielen Wohnzimmern und erhellt mit seinem Licht die langen dunklen Wintertage vor dem Weihnachtsfest. Die vier Kerzen auf dem Kranz aus Tannenzweigen symbolisieren die vier Adventssonntage. Doch wer hat den Adventskranz eigentlich erfunden? Johann Hinrich Wichern (1808-1881), Theologe aus Hamburg und Gründer des Rauhen Hauses, hatte vor 175 Jahren die zündende Idee, mit einem Kranz aus Kerzen die Zeit des Wartens auf Weihnachten nachvollziehbar zu machen.

Wartezeit verkürzen

Vielleicht war Johann Hinrich Wichern an diesem trüben Wintertag im Jahr 1839 mit seinem Latein am Ende. Der Theologe hatte es sich zur Aufgabe gemacht, verwahrloste und verwaiste Kinder und Jugendliche aus den Hamburger Elendsvierteln zu betreuen; Kinder, die ihn und seine Helfer oft an ihre Grenzen brachten. Ohne Zwang und Schläge, sondern mit Gemeinschaft, Arbeit, dem Lesen der Bibel sollten die Kinder erzogen werden.
Sechs Jahre zuvor war Wichern in ein altes Bauernhaus, Das Rauhe Haus, gezogen und hatte seine Arbeit begonnen. Ende 1833 betreute er bereits 14 Jungen zwischen fünf und 18 Jahren – Kinder, die bis dahin in ihrem Leben auf der Straße Gewalt, Hunger und Armut erlebt hatten, die logen und stahlen.
Die Adventszeit war im Rauhen Haus eine besondere Zeit der Erwartung, mit täglicher Andacht und Singstunde. Aber wie konnte man den ungestümen, schwierigen Kindern das Warten aufs Weihnachtfest verkürzen, ihnen die Adventszeit als Zeit des Wartens verständlicher machen? Vielleicht, indem es jeden Tag bis Weihnachten ein wenig heller und wärmer wird, mag sich Wichern an diesem Wintertag gedacht haben.

Wagenrad mit Kerzen

Sein erster Adventskranz bestand aus einem hölzernen Wagenrad, auf dem vier dicke weiße Kerzen für die Sonntage und kleine roten Kerzen dazwischen für die Werktage angebracht waren. An jedem Tag, vom ersten Advent bis zum Weihnachtsfest, wurde eine Kerze entzündet, Advent als der Weg des Lichts wurde auch für die Kinder begreifbar. 1860, mehr als zwanzig Jahre nach der ersten Adventskranzentzündung wurde der hölzerne Kranz mit Tannengrün geschmückt, Zeichen der Hoffnung und des Lebens.

Doch erst nach dem Ersten Weltkrieg setzte sich in Deutschland die Idee durch, auch zuhause christliche Symbole zu zeigen. Die ersten Adventskränze wurden angeboten, allerdings in abgespeckter Version: Wicherns wagenradgroßer Kranz mit seinen vielen Kerzen war für eine Bürgerstube viel zu groß, bei einem kleineren Kranz hätten sich die Kerzen gegenseitig zum Schmelzen gebracht. Die Lösung war der Kranz, wie wir ihn heute kennen, ohne Werktagskerzen und mit den roten Kerzen – als Farbe für die Liebe Gottes – für die Sonntage.
Heute ist der Advent ohne Kranz kaum vorstellbar. Es gibt sie in allen Farben, den unterschiedlichsten Materialien, mit echten oder Kunstlicht-Kerzen – immer sind es vier.

Bis heute wie zu Wicherns Zeiten

Beim Rauhen Haus in Hamburg wird auch in diesem Jahr wieder der klassische Kranz entzündet, mit großen weißen Kerzen für die Sonntage und mit kleinen roten Werktagskerzen – wie zu Wicherns Zeiten.
Johann Hinrich Wichern: Theologe und Pädagoge. Die Arbeit des großen Pädagogen Johann Hinrich Wichern ist heute aktueller denn je. Mehr als dreitausend Menschen werden heute in der Stiftung Das Rauhe Haus von rund tausend Mitarbeitern ausgebildet und betreut.

Gründer des Rauhen Hauses

Wichern war Gründer und erster Vorsteher des Rauhen Hauses und Initiator der Inneren Mission, also der heutigen Diakonie. Er war auch  ein guter Pädagoge, der sich in die hilfsbedürftigen Kinder und Jugendlichen hineinversetzen konnte. Mit 15 hatte Wichern selbst den Vater verloren. Als Ältester war er für seine sechs Geschwister verantwortlich; tagsüber arbeitete er, nachts lernte er, zuerst für die Schule, dann das Studium der Theologie.

Hilfe zur Selbsthilfe

Seine Idee, verwahrloste Jugendliche in einer Gemeinschaft von Brüdern, wie er seine Helfer nannte, aufwachsen zu lassen, war revolutionär und traf auf viel Resonanz. Wichern erkannte die Not im eigenen Land und die Notwendigkeit, in Verbindung von Glaube und Liebe den Elenden im Land zum Leben zu helfen.
Die Kinder und Jugendlichen sollten einen Beruf erlernen, selbständig werden und Verantwortung für ihr eigenes Leben übernehmen können – Hilfe zur Selbsthilfe, eine sehr moderne Haltung.
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