Hamburger Frauen-Power mit knapp 300 PS

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Ayse Cakmak hat als Busfahrerin einen Jobgefunden, der ihr sichtlich Spaß macht Foto: fbt
 
Jatinda Singh Athwal lenkt seit neun Jahren einen VHH-Bus Foto: fbt
Hamburg: Curslacker Neuer Deich 37 |

Seit fast 40 Jahren steuern auch Fahrerinnen die Busse der Verkehrsbetriebe Hamburg-Holstein (VHH)

Von Frank Berno Timm
Billstedt/Bergedorf
Die Verkehrsbetriebe Hamburg-Holstein sind ein fortschrittliches Unternehmen. Weil mehr als die Hälfte der Fahrgäste des Busunternehmens weiblich sind, sucht das Unternehmen unter anderem gezielt nach weiblichen Mitarbeitern. „Das war eine unglaubliche Revolution!“ Susanne Rieschick-Dziabas (50), Marketingleiterin bei der VHH, blickt zurück: 1978, erzählt sie, durfte in Schenefeld erstmals eine Frau ans Steuer eines Omnibusses. Und die Bergedorfer Betriebshofleiterin Anne Prüfer (35) fügt hinzu, damals sei der Beruf noch wirklich mit Kraftaufwand verbunden gewesen – heute fahre sich ein Bus, dank Lenkunterstützung und Automatik, schon fast wie ein Pkw: „Es gibt nur wenige, die es nicht schaffen.“ Prüfer betont, Frauen hätten jedoch beim VHH nicht das Ruder übernommen, „das wollen wir auch nicht!“ Der Verkehrsbereich sei vielfach noch in Männerhand. Die beiden VHH-Mitarbeiterinnen sagen, in vielen Frauenköpfen stecke immer noch eine große Unsicherheit über die eigenen Fähigkeiten, ein 12-Meter-Ungetüm mit seinen knapp 300 PS zu lenken – jedoch zu Unrecht.

Auch Teilzeit möglich

Zu den Möglichkeiten für Frauen – und Männer, wie betont wird – gehört auch, dass man bei der VHH in Teilzeit Bus fahren kann. Voraussetzung sei allerdings, dass eine ganze Schicht übernommen werde – dann wird der Freizeitausgleich eben anders als bei Vollzeitkräften organisiert. Von den etwa 230 Fahrdienst-Mitarbeitern in Bergedorf fahren rund 20 in Teilzeit.

„Charta der Vielfalt“

Bedarf an neuen Leuten, betont Anne Prüfer, gibt es immer: Unternehmensweit gehen 50 Mitarbeiter im Jahr in den Ruhestand. Wer Busfahrer oder Fahrerin werden will, lernt drei Jahre lang – auch ein Quereinstieg ist möglich und bei der Unternehmensführung sehr begehrt. Das Busunternehmen hat – durchaus politisch gemeint – vor einigen Jahren die so genannte „Charta der Vielfalt“ unterschrieben. Diese will erreichen, dass Mitarbeiter, unabhängig von Geschlecht und Herkunft, die gleichen Möglichkeiten haben. Und man nimmt es Susanne Rieschick-Dziabas ab, wenn sie betont, die VHH habe diese Kultur schon vorher gelebt: „Wir haben unterschrieben – das sind wir!“

„Ich fahre jede Linie gern“

Ayse Cakmak (48) ist eigentlich gelernte Friseurin und erzählt, wie sie hinters Lenkrad kam: Sie habe zwei Kinder groß gezogen und wollte dann wieder arbeiten gehen. Im Jobcenter sei sie von Maßnahme zu Maßnahme gezogen, bis die Beraterin fragte, wie es mit Busfahren wäre. Nun ist sie fünf Jahre dabei, es macht ihr Spaß, „ich fahre jede Linie gern.“ Die VHH-Fahrerin geht gern mit Kunden um und hat auf ihren Fahrten Ecken kennengelernt, die sie vorher nicht kannte. Die Vierlande sind ihr Lieblingsgebiet. Cakmak kann sich nur an einen einzigen Fahrgast erinnern, der ihr gestand, er habe Schwierigkeiten damit, dass ihn eine Frau chauffiere. Aber der Mann sei trotzdem mitgefahren, erinnert sich Ayse Cakmak – auch der Umstand, dass sie türkischer Herkunft sei, spiele eigentlich keine Rolle. Beim Fototermin im fast neuen Bus auf dem Betriebshof ist eins schnell zu merken: Ayse Cakmak fühlt sich wohl am Steuer, sie hat keinerlei Mühe mit dem 12-Meter-Wagen. Wer häufiger mit der VHH unterwegs ist, wird das auch von ihren Kolleginnen kennen.

Kopftuch und Turban

Offensichtlich stimmt das Arbeitsklima. Als die erste Busfahrerin mit Kopftuch unterwegs war, ging auch Jatinda Singh Athwal (50) zu seinen Chefs und fragte, ob er, seiner Sikh-Religion folgend, bei der Arbeit einen Turban tragen dürfe. Seine Chefin Anna Prüfer bringt es auf den Punkt: „Das Tragen eines Turbans macht keinen anderen Busfahrer aus ihm!“ Außerdem schränke die Kopfbedeckung die Sicht nicht ein. Der Inder war der erste mit dieser Kopfbedeckung, inzwischen gibt es einen zweiten Kollegen. Athwal erinnert sich an positive Reaktionen: „Ah, jetzt haben wir einen Inder!“ hätten die Leute gesagt. Er lebt seit 1994 in Hamburg und hat, bevor er vor neun Jahren zur VHH kam, als Blumenlieferant gearbeitet. Auf dem Hof wartet der nächste Bus auf die Abfahrt. Am Steuer: eine Frau.

Mehr Infos: Charta der Vielfalt

Verkehrsbetriebe Hamburg-Holstein

Die Verkehrsbetriebe Hamburg-Holstein (VHH) gehen, historisch gesehen, auf die frühere Hamburg-Bergedorfer Eisenbahn zurück, sind heute allerdings ein reines Busunternehmen. Eigentümer sind die Hansestadt Hamburg und die vier Umlandkreise Pinneberg, Segeberg, Stormarn und das Herzogtum Lauenburg. Neben dem Betriebshof in Bergedorf gibt es neun weitere, darunter in Billbrook und Rahlstedt. In Billstedt fahren die meist silbernen Busse der VHH auf den Linien 12, 232, 233, 432, 133 und 31. In Rahlstedt sind es die Linien 24 und 26, in der Innenstadt die Linien 15 und 3. In Bergedorf arbeiten rund 200 Mitarbeiter im Fahrdienst, davon sind 18,6 Prozent Frauen. Teilzeitmodelle werden von etwa einem Siebtel der Beschäftigten wahrgenommen.
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