Hommage an den Kiez

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Waldemar Paulsen (l.) mit seinem Partner (Spitzname „der Schnelle“), auf der Großen Freiheit in den 70-er Jahren Fotos: Privat

Zwischen Prostituierten und Mördern – Ex-Polizeifahnder über den Job-Alltag

Von Mai-Britt Wulf
Hamburg. Ein Jahrzehnt arbeitete Waldemar Paulsen mitten in den wilden Siebzigern als Zivilfahnder auf dem Kiez. Bei Prostituierten und Kiezgrößen verschaffte er sich mit seinem fairen Verhalten Respekt, galt aber trotzdem als „harter Hund“. Nach seinem Buch über Hamburgs sündige Meile schreibt er nun einen Krimi.
„Sie waren immer ein Glatter“, schrieb ihm eine Prostituierte nach dem Erscheinen seines Buchs „Meine Davidwache“. Sie dankte Paulsen für seinen anständigen Umgang mit den Damen. „Glatter bedeutet aufrichtiger Mann im Kiez-Jargon“, erklärt Paulsen. Ungewöhnliche Fanpost für einen ungewöhnlichen Autor.
Paulsen wurde 1947 in Kiel geboren. Um der Bundeswehr zu entgehen, die ihm damals zu autoritär erschien, begann er 1966 seinen Dienst bei der Polizei in Hamburg. Schnell wurde aus einem Beruf seine Berufung.
„Ich habe mich immer als Hüter der Frauen gesehen“, erzählt Paulsen, der ab 1972 auf der Davidwache arbeitete. Eingeteilt für den Bereich Prostitution ging es täglich durch den Kiez, um Bordelle zu kontrollieren, Pornos zu beschlagnahmen und Verbrecher aufzuspüren. Dabei blieb er höflich, siezte die Klientel und vermied Hinterlist. Es war ein Alltag zwischen Halbweltgrößen, RAF-Terroristen, Serienmördern und Dominas, deren Respekt er sich durch sein transparentes Verhalten verdiente. Wegen seinem rotblonden Haar, verpasste ihm die Kiez-Gemeinschaft schnell den Spitznamen „Rotfuchs“. Kollegen riefen ihn Pauli. „Damals war der Kiez sehr familiär, fast wie ein Dorf.“ Doch was harmonisch klingt, trügt. Die Realität war knallhart. In den Siebzigern und Achtzigern arbeiteten 2.500 registrierte Prostituierte dort, heute sind es 300. Zuhälter bauten sich Imperien auf. Anfang der 80er-Jahre kommt die „Weiße Dame“, Kokain und Heroin, ins Spiel. Organisierte Kriminalität gab es, betont der Kriminalhauptkommissar, obwohl die Politik es jahrelang leugnete.
Ein Jahrzehnt lang stand Paulsens Adrenalinspiegel auf Dauerhoch. „Der Kiez war ein Ort für Lust und Laster“, so beschreibt ihn Paulsen. Ein Viertel, das gutbürgerliche Hamburger mieden. Der Polizist sah, wie RAF-Terroristen erschossen, Kollegen ermordet und Frauen misshandelt wurden. Er entging nur knapp selbst dem Tod, als ein Verbrecher auf ihn schoss. Erst nach der Pensionierung kam der Kriminalhauptkommissar zur Ruhe und begann zu reflektieren. „Ich möchte rückwärts verstehen, um vorwärts leben zu können“, sagt der 67-Jährige. Noch heute weiß er, wann welcher Lude Geburtstag hat oder welche Hausnummer die Bordelle hatten. „Mein Buch ist eine Hommage an mein liebenswertes St. Pauli von damals und ein Dank an die Besatzung der Davidwache“, sagt Paulsen. „Damals wie heute ist es kein leichter Job dort.“
Waldemar Paulsen liest am 2. Oktober, 18 Uhr im Kulturladen Hamm, Carl-Petersen-Straße 76. Der Eintritt kostet 5 €. Anmeldung: Tel.: 040-447525
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