„Kontakt ist eben alles“

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Johann Schlesselmann (links) verkauft seit 50 Jahren Kartoffeln auf dem Billstedter Wochenmarkt. Stadtteilpolizist Thomas Schimmelpfennig kommt regelmäßig zum Stand des Kartoffel-Bauern Fotos: Sichting
 
Auf seinem Rundgang durch das Billstedter Zentrum kommt Thomas Schimmelpfennig auch an der U-Bahnhaltestelle Billstedt und dem ZOB vorbeiFotos: ms
 
An seinem Schreibtisch erledigt Polizeihauptkommissar Schimmelpfennig nach seinem Rundgang alles Schriftliche

Mit dem Stadtteilpolizisten durch Billstedts Zentrum

Von Mathias Sichting
Billstedt. 18 Stadtteilpolizisten zeigen in Billstedt Präsenz und sorgen für Ordnung auf den Straßen. Sie sind die direkten Ansprechpartner für die Anwohner und für viele Bürger der heiße Draht zur Polizei. Thomas Schimmelpfennig ist einer dieser Stadtteilpolizisten. Er ist für das Gebiet Billstedt-Zentrum zuständig. Hier betreut er etwa 4.000 Einwohner und knapp 450 Gewerbetreibende. Das Wochenblatt hat den 57-Jährigen auf einem Quartiersrundgang begleitet.
Tiefe Regenwolken hängen über Billstedt. Auf dem Wochenmarkt rinnt das Wasser von den provisorischen Dächern der Verkaufsstände. Es ist trotzdem viel los. Pünktlich um 10 Uhr setzt Thomas Schimmelpfennig seinen Fuß vor die Wache des Polizeikommissariats 42 in der Möllner Landstraße 44. „So ein Schietwetter. Und wieder keine Jacke dabei“, schimpft der Polizist aus Leidenschaft mit sich selbst. „Ich bin seit 40 Jahren im Polizeidienst und habe in diesem Geschäft alles erlebt. 1983 bin ich nach Billstedt gekommen, vorher war ich auf St. Pauli. Seit 1999 bin ich der bürgernahe Beamte in Billstedt-Zentrum“, so Schimmelpfennig stolz. Nach fünf Minuten Fußweg hält der Polizeihauptkommissar vor einem Hauseingang in der Bill-
stedter Hauptstraße an. „Hier muss es sein. Zu meinem Aufgaben gehört es unter anderem, Anschriften von Personen zu überprüfen. Wir klingeln jetzt bei einem Anwohner und schauen, ob der polizeibekannte Herr Schmidt (Name von der Redaktion geändert) wie angegeben auch wirklich hier wohnt.“ An der betreffenden Wohnung im ersten Obergeschoss angekommen, findet Thomas Schimmelpfennig eine offene Haustür vor. Von innen sind Geräusche zu hören. Er macht sich laut und deutlich bemerkbar. Keine Reaktion. Er tritt ein. Die Hand an der Pistole. Ein junger Mann und seine Mutter befinden sich in der Wohnung. Insgesamt leben hier fünf Menschen auf engstem Raum. Nach einer Befragung stellt sich heraus, dass von dem Gesuchten keine Spur zu finden ist. Zurück am Eingang notiert Schimmelpfennig die Namen auf dem Briefkasten. Später wird er einen Bericht schreiben und die Angaben an die entsprechende Behörde weiterleiten. Aber erstmal geht es zurück ins Büro. Die Jacke holen.

Als „Cop4u“ unterwegs

„Voraussetzung für einen Stadtteilpolizisten ist ein gewisses Lebensalter und große Erfahrung im Polizeiberuf. Oftmals sind ehemalige Zivilfahnder oder erfahrene Wachhabende auf dem Posten im Einsatz. Das sind Menschen, die gut mit anderen Menschen umgehen und sich auf diese individuell einstellen können. Stadtteilpolizisten können sich auch mal fünf Minuten mehr Zeit zum Reden nehmen.“ Hauptaufgabe der Stadtteilbeamten ist es, Verbindung zu allen möglichen Institutionen wie Geschäftsinhabern, Wohnungsbaugesellschaften und Hausmeistern zu halten. Eine enge Beziehung zur Kommunalpolitik und zum Quartiersmanagement ist ebenso wichtig. „Der Kontakt zu den Menschen im Stadtteil ist eben alles in meinem Geschäft.“ Dazu sind die Stadtteilpolizisten auch als „Cop4U“ an den Stadtteilschulen und in Seniorenheimen unterwegs.
In Schimmelpfennigs Betreuungsgebiet, das von der B5 bis zur U-Bahntrasse und vom Schiffbecker Weg bis zum Schleemer Bach verläuft, ist er an der Katholischen Schule und am Regionalen Berufsbildungszentrum (ReBBZ) im Einsatz. Dort führt er, wenn nötig, sogenannte normverdeutlichende Gespräche durch und „tritt auffälligen Schülern einfach mal ein bisschen auf die Füße.“ Zudem gibt er an der Katholischen Schule regelmäßig Seminare für Streitschlichter.

„Schön, mit Namen angesprochen zu werden“

Zweimal in der Woche ist Marktzeit im Zentrum. Der Billstedter Wochenmarkt ist einer der größten in Hamburg und wird gut besucht. Viele ältere Stammbesucher kommen seit Jahren hierher. Man trifft sich und klönt. Der Regen hat langsam nachgelassen. In seine Regenjacke gehüllt steuert Schimmelpfennig auf der Möllner Landstraße entlang auf den Markt zu. Unterwegs nickt man ihm zu, er schüttelt hier und dort ein paar Hände. Man kennt sich im Stadtteil. „Es ist schön, wenn man mit seinem Namen angesprochen wird. Ich bin also nicht der namenslose Polizist, sondern der Herr Schimmelpfennig.“ An einigen Ständen hält der Billstedter Stadtteilbeamte an und schnackt mit den Besitzern auf Platt. Es wird viel und herzlich gescherzt. Johann Schlesselmann ist das Urgestein auf dem Bill-
stedter Markt. Er kommt seit 50 Jahren regelmäßig hier her und verkauft seine Kartoffeln. „Ich hatte schon Angst, ich hätte was verbrochen“, scherzt der Rothenburger Kartoffelbauer. Schimmelpfennig erkundigt sich nach den Geschäften, fragt, ob es Sorgen oder Nöte gibt. Auf seinem Weg geht es kurze Zeit später weiter in Richtung Einkaufszentrum. „Das Einkaufszentrum ist der Anlaufpunkt für viele Jugendliche und Senioren. Gerade bei schlechtem Wetter oder in den kälteren Jahreszeiten ist es hier sehr voll. Das EKZ ist ein großer wirtschaftlicher Faktor in Billstedt. Wir haben gut 120 Läden unter einem Dach. Da muss man Präsenz zeigen und die Inhaber unterstützen. Gerade die neu eingezogenen Geschäfte werden von mir besucht und belehrt. Ich verdeutliche ihnen, dass sie in Billstedt sind. Ladendiebstahl ist hier die Hauptstraftat. Das ist ein echter Faktor.
In einem normalen Geschäft werden bei einer Inventur drei Prozent Verlust festgestellt, hier sind es bis zu 13 Prozent“, verrät der 57-Jährige. „Zu den normalen Ladendieben, die man in jedem Stadtteil hat, kommt das Phänomen hinzu, dass häufig Auslagen im Bereich des Ausganges von ganz normalen Bürgern mitgenommen werden. Die Moralvorstellung von Eigentum ist hier eine andere“, sagt der Kontaktbeamte. Der Regen ist wieder stärker geworden. Seine Polizeijacke hält die Feuchtigkeit ab. Thomas Schimmelpfennig steht jetzt am Geländer vor der U-Bahntrasse. Sein kontrollierender Blick schweift über den Vorplatz. Er lächelt zufrieden. „Ich habe bei der Polizei alles erlebt. Manche Sachen bekommt man nicht mehr aus dem Kopf, verarbeitet sie aber mit der Zeit immer besser. Jede Großstadt ist ein Brennpunkt. In Hamburg unterscheiden sich, wie in jeder anderen Stadt auch, die Stadtteile untereinander. In diesen Einheiten gibt es auch noch einmal Unterscheidungen zwischen den einzelnen Quartieren. Und auch in den Quartieren gibt es gewisse Abweichungen. Letztendlich sind es aber immer die Probleme einer Großstadt und der großen Menge an unbekannten Menschen in einer Stadt, die zu Konflikten führen. Ja, Billstedt ist ein auffälliger Stadtteil, da hier viele sozial schwache Menschen wohnen. Letztendlich aber zu sagen, dass Billstedt im Ganzen ein Sozialer Brennpunkt ist, wäre vollkommender Quatsch“, so der Polizeihauptkommissar abschließend. Zurück in seinem Büro legt er seine Polizeimütze auf den Schreibtisch, hängt seine triefende Regenjacke zum Trocknen auf und nimmt auf seinem quietschenden Bürostuhl Platz. Es ist Zeit für den Papierkram. „In drei Jahren ist für mich Schluss. Dann ziehe ich mich komplett in meine Wahlheimat nach Mecklenburg-Vorpommern zurück“, blickt Schimmelpfennig gelassen in die Zukunft. Bis dahin ist er mit ganzem Herzen Stadtteilpolizist in Billstedt-Zentrum – egal, ob bei Regen oder Sonnenschein. (ms)
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