Malen ist für diese Hamburger wie Yoga

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Die „Pigment Pirates“ teilen bei der Miniaturmalerei ihre Liebe zum Detail Fotos: sos
 
Höchste Konzentration: Siggi Hauke von den Pigment Pirates (vorn) an einem seiner neusten Projekte – bislang ist die Figur noch ohne Kopf Foto: sos

Hamburger „Pigment Pirates“ haben ein ruhiges Händchen und Fantasie. Ihr Hobby: Miniaturfiguren bemalen

Von Sonja Schmidt

Horn Der grüne Baron ist gestürzt. Das verraten Risse auf seiner Motorradbrille. „Es war auf jeden Fall knapp“, sagt Joachim Westedt. Das Unterwelt-Geschöpf ist sein ganzer Stolz. Stundenlang hat er am perfekten Farb- und Kontrastkonzept getüftelt, die Figur grundiert, schattiert und lasiert. Das blutrote Zahnfleisch und die leuchtenden Augen wirken täuschend echt, fast so als hätte Fantasy-Papst Tolkien den Ork höchstpersönlich von Mittelerde nach Horn gezaubert.

Hier, im Keller einer KungFu-Schule am Horner Weg, tauchen die „Pigment Pirates“ in die Welt der Miniaturmalerei ein. Physiotherapeuten, Vertriebler, IT-Profis, Ärzte – bei den „Pigment Pirates“ sind Maler und Figurensammler aus den unterschiedlichsten Berufszweigen vertreten. Sie haben Tische zusammengeschoben, Leuchten aufgestellt, Pinsel und Acrylfarben ausgepackt und schneiden farblose Köpfe, Arme und Beine aus Plastikschablonen heraus. Die blanken Einzelteile werden später zusammengeklebt und mit Farbe verschönert.
Ziel ist, die Figuren so detailgetreu wie möglich aussehen zu lassen, deshalb hängen als Vorlage an einem Schrank ein paar Fotos von Wolfsfellen, Leder und glänzenden Ritterrüstungen. „Details sind uns sehr wichtig, deshalb verwenden wir auch gern mal echtes Naturmaterial“, erklärt Siggi Hauke mit Blick auf eine erdverstaubte Baumwurzel in einem Karton. In einer anderen Ecke des Raumes zieren ein paar Superhelden eine Glasvitrine, und Robin Hood-Verschnitt „Green Arrow“ spannt seinen Bogen. Der Clou: die Sehne ist eine blonde Haarsträhne.
Tricks und Kniffe wie diese haben sich die „Pirates“ von Videos im Internet abgeschaut. In der virtuellen Welt tummelt sich eine große internationale Mal-Community, man kennt sich, tauscht sich aus. Live und in Farbe aber treffen sich Miniaturmaler nur selten. Die „Pirates“ hingegen sind in den vergangenen anderthalb Jahren auf 25 Mann angewachsen, ihr Hobby führt sie zusammen.

Malen im Akkord



Aber was ist dran an der Figuren-Malerei, dass Erwachsene die Zeit komplett vergessen und 14 Stunden oder mehr die Pinsel schwingen? Ganz einfach: „Malen ist mein Yoga“, sagt Hauke. Sicher, manchmal zwicke es ihm und den anderen nach der Dauerpinselei im Rücken. Aber ansonsten: alles ganz entspannt. Gelegentlich reisen die Hobby-Maler auch gemeinsam zu Mal-Wettbewerben, wie zum Beispiel auf der Hamburger Tactica, dem größten Wargaming-Event im Norden.
Viele Figuren, die im Horner Hobby-Keller entstehen, sind nicht größer als ein Daumennagel. Wie die Zinnsoldaten aus Opas Zeiten. Mit den Mini-Spielsachen zog man schon damals auf dem Spielbrett in die Schlacht, die moderne Version des strategischen Tischrollenspiels nennt sich heute: Tabletop. Ganze Armeen treten gegeneinander an. Und jede einzelne Figur bekommt den gleichen Anstrich – das ist Malen im Akkord und „kann ganz schön nerven. Aber man will ja fertig werden, um endlich zu spielen“, sagt Alex Püttmann mit Blick auf eine ganze Heerschar lilafarbener Aliens. In mühevoller Kleinarbeit erweckt er sie Farbklecks für Farbklecks zum Leben. „Man versucht, eine Geschichte zu erzählen“, sagt Heiko Klisch. Konzentriert blickt er in die Augen eines grimmigen Berserkers. „Man erkennt sehr schön die Blessuren in seinem Gesicht. Sie zeigen, er hat sich geprügelt, oder vielleicht kommt er auch gerade direkt vom Schlachtfeld.“
Seit 15 Jahren ist Klisch der Miniaturmalerei verfallen. Im Grunde habe alles mit „Herr der Ringe“ angefangen. „Als die Tolkien-Saga zu Beginn der 1970er-Jahre auf den Markt kam, gab es den großen Durchbruch. Die Leute entdeckten Rollenspiele für sich, kauften viele Figuren und entwarfen Regelsysteme für Tabletop-Spiele, so entstand letztlich unser Hobby“, berichtet er. Mit dem Fortschreiten der Technik sei die Miniaturmalerei immer detaillierter geworden und auch die Fähigkeiten der Modellierer haben sich verstärkt, Computer-Programme und 3D-Druck spielen immer häufiger eine Rolle. Bei den „Pirates“ kann man sein Handwerk neuerdings auch in Workshops verfeinern.

Erst kürzlich gastierte Kirill Kanaev, der Großmeister der Strukturmalerei in der Piratenhöhle. Der Russe ist ein mehrfach ausgezeichneter Vollprofi und verdient sein Geld mit der Auftragsmalerei. Ein Vorbild für junge Nachwuchskünstler wie Alek Suyarkov. Der 23-Jährige bessert seinen Lebensunterhalt ebenfalls mit Auftragsarbeiten auf und bemalt Tabletop-Minis für Käufer aus der ganzen Welt. „Im Gegensatz zu anderen steht das Malen bei mir über dem Sammeln“, erklärt er. 2008 bewarb der Hamburger seine Arbeiten erstmal auf Hobby-Foren im Internet. Nicht selten sitzt er 20 Stunden an einer Figur. Aber es lohnt sich: „Am Ende schaue ich mir das Ergebnis an, und bin einfach nur stolz.“

Wichtig ist der Kontrast


Schon der berühmte britische Schauspieler Peter Cushing, bekannt geworden in den 1950er-Jahren als Dr. van Helsing in Dracula, bemalte Miniaturfiguren und spielte gern das Kriegsspiel „Little Wars“ von H.G. Wells.

Die meisten Tabletop-Spiele stammen aus dem Bereich Fantasy und Science-Fiction. Oder
es werden Armeen und Truppen nachgebildet,
die historisch wirklich existiert haben.

Bei der Miniaturmalerei werden die Farben mit dem Pinsel oder mit der Airbrush-Pistole aufgetragen. Das Wichtigste ist immer: Kontrast, Kontrast, Kontrast.

Auf Figuren-Marktplätzen im Internet gibt es fertig bemalte Tabletop-Figuren zu ersteigern oder zu kaufen. Je professioneller und bekannter ein Maler, desto teurer die Exemplare.

Informationen zu den „Pigment Pirates“ und ihren Workshops gibt es im Internet unter www.pigment-pirates.com (sos)

Gewusst?


Ab Sommer 2017 soll auf Rügen das Weltenkons-truktorium eröffnet werden. Das Miniatur-Museum zeigt kulturhistorische und weltgeschichtliche Szenen im Maßstab 1:56. Nachgestellt werden Szenen wie die Varusschlacht und Hannibals Reise über die Alpen. An mehr als 20 Tabletop-Spieltischen kann man außerdem die Abenteuer direkt vor Ort nachstellen. (sos)
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