Nach Großfeuer: Kampf um die Existenz

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Die beiden Macher vom Modelabel „recolution“: Robert Diekmann (li.) und Jan Thelen verloren ihre Kollektion Fotos: ks
 
Meterhoch stieg dicker, schwarzer Qual von dem brennenden Gebäude in den Himmel Foto: Röhe

Eigentümer will Komplex nach historischen Plänen wieder aufbauen. Künstler und Jungunternehmer finanziell schwer getroffen

Von Klaus Schlichtmann
Genau sechs Wochen ist es her, dass in Hamm und den angrenzenden Stadtteilen die Sirenen heulten: Großalarm für die Feuerwehr, am Hammer Deich stand ein ganzer Gebäudekomplex in Flammen – Hamburgs größtes Brandinferno in diesem Jahr!
Lagerhallen, Büros, Proberäume für Musiker, ein Tonstudio – insgesamt 42 Mieter hatten in den verschachtelten Gebäuden ihren Firmensitz - und bis auf sechs Unternehmer haben alle fast Alles bei diesem verheerenden Großfeuer verloren, der Schaden beträgt mehrere Millionen Euro. „Zum Glück sind keine Menschen zu Schaden gekommen“, erklärt Jan Michaelsen, Verwalter der über 12.000 Quadratmeter großen Gewerbe-Immobilie.
Das größte Glück hatte an jenem Montag Nachmittag Eicke Freese (34) - Betreiber eines Tonstudios auf dem Gelände - sowie ein Musikerkollege. „Wir machten gerade Gesangsaufnahmen, als der Strom ausfiel“, beschreibt der Produzent die Situation, „von der Küche aus sahen wir dann schon die Flammen in der angrenzenden Halle!“ Eicke Freese rettete noch die Festplatte seines Computers, rannte dann mit seinem Kollegen 70 Meter durch die brennende, verrauchte Halle ins Freie. „Die Feuerwehrleute waren völlig überrascht, dass sich in dem Komplex überhaupt noch Menschen aufhielten!“
In einem alarmierten Rettungswagen mussten sich Freese und sein Kollege vorsorglich einer Blutkontrolle unterziehen, um den Verdacht einer Rauchvergiftung auszuschließen. Sein Leben konnte er retten, aber alles andere ist durch das Feuer und das Löschwasser weitgehend zerstört - Mischpulte, Kabel, Computer, Instrumente - darunter auch rund 50 unersetzbare Gitarren von befreundeten Musikern, die die Proberäume der Hammerdeich-Studios nutzen. Den Gesamtschaden schätzt
Eicke Freese auf rund eine halbe Million Euro.
„Die Anteilnahme in der Hamburger Musikszene war riesig“, bedankt er sich über die große Unterstützung. Die Fortsetzung seiner Arbeit für die nächsten Monate ist gesichert, da er Aufnahme in den „Chameleon-Studios“ in Barmbek gefunden hat.

Versicherung fehlte noch

Die Existenz der Existenzgründer Jan Thelen und Robert Diekmann ist dagegen immer noch bedroht - „die Verhandlungen mit der Versicherung schleppen sich hin“, erkärt Jan Thelen. Zusammen mit seinem Kompagnon betreibt er das neue und erfolgreiche Modelabel „recolution“ - hochwertige und nachhaltige Baumwoll-Kleidung aus biologischem Anbau. Rund 60 Prozent der Streetwear-Winter-Kollektion waren am Hammer Deich eingelagert. Jan Thelen: „Die Ware ist zwar noch vorhanden, aber völlig verrußt und verqualmt und damit unbrauchbar!“ Schaden nur für eine theoretische Wiederbeschaffung (die in diesem Winter nicht mehr möglich ist): Mindestens 80.000 Euro!
Auch Dominik Schulze-Lohoff hat das Großfeuer hart getroffen. Vor gut zwei Jahren hatte er eine Software-Firma für individuelle Programm-Entwicklungen gegründet, ein preiswertes Büro am Hammer Deich gefunden - die Geschäfte ließen sich gut an. „Jetzt ist alles vernichtet, alle Computer und andere Hardware verbrannt oder geschmolzen“, sagt der junge Start-up-Unternehmer. Bitter: Dominik Schulze-Lohoff war noch nicht versichert: „Zwei Versicherungs-Makler hatten mir zwar schon Angebote gemacht, aber die passten nicht!“ Jetzt im Januar hätte er einen Termin mit einem weiteren Versicherungs-Experten gehabt ... Schaden für ihn: rund 50.000 Euro. Der Software-Spezialist arbeitete jetzt in einer Dachkammer mit zwei neuen Rechnern von zu Hause aus - und sucht dringend neue, erschwingliche Geschäftsräume.

Lichtstrahler lösten das Feuer aus

Die Ermittlungen durch Brandexperten haben inzwischen ergeben, dass das Feuer in einer Lagerhalle für Kühlschränke - bestimmt für den Afrika-Export - ausgebrochen ist. Auf diesen Kühlschränken wurden entgegen den Vorschriften Matratzen gelagert. Und über diesen Matratzen waren Strahler angebracht, die mit ihrer Hitze das Feuer ausgelöst haben sollen. Ermittlungen wegen „Fahrlässigkeit“ seien eingeleitet worden!

Neuaufbau statt Verkauf

Wie soll‘s nun weiter gehen mit dem Ruinen-Komplex am Hammer Deich? Bis vor wenigen Monaten dachte der Eigentümer noch an einen Verkauf, bot das gesamte, rund 14.000 Quadratmeter große Areal für sechs Millionen Euro auf einer Internet-Plattform an. Nachdem sich die Miet-Einnahmen aber wieder positiv entwickelten, rückte der Eigentümer von seiner Verkaufs-Absicht ab.
Und nun? „Bis auf ein, zwei Hallen vielleicht muss alles abgerissen werden“, erklärt Verwalter Michaelsen. „Danach aber möchten wir alles wieder nach historischen Plänen aufbauen und Künstlern, Jungunternehmern, Musikern, Frei- und Kulturschaffenden eine neue, alte Heimat anbieten!“
Das würde auch Michael Osterburg begrüßen, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Bezirk Mitte. Er spart aber auch nicht an Kritik und stellt die Frage, warum es in diesem unüberschaubaren Gebäudekomplex offenbar kein Kataster gab, das Auskunft darüber gibt, was wo eingelagert wurde. „Selbst die Feuerwehrleute waren nur unzulänglich informiert und mussten sich so selbst unnötig in erhöhte Gefahr begeben!“
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