Nach viel Leid eine Chance

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Viele Migranten haben ein schweres Schicksal zu bewältigen. Das von Mohammed S. ist nur eines. Fotos: Neschki
 
Auch Uwe Böhm hat viel für Mohammed S. getan.

Wie Integration gelingen kann

Von Mike Neschki
Billstedt. Mohammed S. * ist noch jung. Mit gerade mal 20 Jahren hat er schon alles verloren, was ihm lieb war. Die Familie, die Liebe der Eltern und Geschwister und die daraus resultierende Wärme. Seine Heimat ist Afghanistan. Er kam 2010 nach Deutschland, hat sich integriert und es jetzt fast geschafft.Von Schleppern wurde er in einem LKW aus seiner Heimat geschleust – über den Iran und die Türkei ins gelobte Deutschland. Aus vielerlei Gründen. Perspektivlosigkeit, Blutrache und Verfolgung wegen seines Glaubens.
Mit dem Tod ist er vertraut, hat Freunde und Verwandte im Kugelhagel krepieren sehen; auch seine Eltern sind verstorben, der jüngste Bruder ist seit dessen Flucht nicht wieder aufgetaucht. Ob er noch lebt, ist ungewiss. Auch die fünf Schwestern sind tot.

Am Hauptbahnhof stand er vor dem Nichts

Irgendwann stand er am Hamburger Hauptbahnhof, da, wo die Schlepper ihn absetzten. Ohne Geld und ohne Deutschkenntnisse. Er wurde von der Polizei aufgegriffen, schlief in einer Turnhalle, bevor er später im Asylantenheim untergebracht wurde. Mit Obdachlosen unter einer Decke schlafen, von knapp 200 Euro im Monat leben – Geld, das der Staat ihm zur Verfügung stellte: tägliche Realität. Etwas hinzuverdienen durfte er nicht. Einen Pass hatte er auch nicht und zurück in die Heimat konnte und wollte er nicht mehr. Acht Jahre ist er in Afghanistan zur Schule gegangen, doch mit der hiesigen Hauptschule in Deutschland ist die Ausbildung nicht zu vergleichen. „Ich durfte zwar die Schule besuchen, aber viel mehr als das Kleine Einmaleins und das Alphabet habe ich dort nicht gelernt. Dafür kann ich den Koran sehr gut,“ versichert er.
Womit das nächste Problem angesprochen ist. Der Glaube. Wer als Moslem zum Christentum konvertiert, spielt mit seinem Leben. Das musste Mohammed am eigenen Leib erfahren. Er möchte nicht auf dem Foto gezeigt werden, wie er überhaupt nicht gern über sich und seine Jugend sprechen möchte. Nur noch nach vorn schauen – das ist es was möchte er. Und richtig gut deutsch lernen. In Wort und Schrift. Und Rechnen. Dazu geht er täglich auf die Abendschule. Büffelt Deutsch und Mathe. Elektroschweißer hat er in seiner Heimat gelernt. In Deutschland möchte er eines Tages Sozialpädagoge werden. Eine Wohnung hat er jetzt bekommen – und eine Aufenthaltsgenehmigung für drei Jahre.

Ohne Hilfe
ist es schwer

Die Ev.-Luth. Kirchengemeinde in Schiffbek und Öjendorf hat ihm dabei geholfen. Deutsch und Mathe hat er sich privat angeeignet. Uwe Böhm und seine Lebensgefährtin Britta Everding, beide Billstedter, haben dabei geholfen. Ehrenamtlich. Sie sind bekannt in Billstedt. Sowohl für ihr politisches als auch für ihr soziales Engagement. Wer ein Wohnungsproblem hat, kann sich bei ihnen melden. Ein Zimmer ist immer mal frei. Auch bei behördlichen Angelegenheiten wird geholfen, sofern es möglich ist.
Und wer der deutschen Sprache nicht mächtig ist, zum Beispiel Menschen mit Migrationshintergrund, ist bei ihnen auch an der richtigen Adresse. So wie der Protagonist unserer Geschichte, der bei den Beiden Deutsch gelernt und somit eine Voraussetzung für seine Aufenthaltsgenehmigung geschaffen hat. Nun muss er zeigen, was er kann. Denn jetzt kann er auch zuhause lernen, weil er Platz und Ruhe hat. Im Asylantenheim Mattkamp hatte er beides nicht.
Doch das Amt will, dass er arbeitet. Nur kann er dann nicht mehr zur Schule gehen, um etwas zu lernen, womit er sich eine Zukunft aufbauen kann.
Mohammeds Vita ist kein Einzelfall und zeigt, dass Integratin funktionieren kann.
* Name von der Redaktion geändert
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