Pilotprojekt: Frauen bei der Müllabfuhr

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Jeden Morgen sechs Uhr beginnt die Schicht von Michaela Fuhrmann Foto: mdt
 
Die 36-Jährige ist Hamburgs einzige Müllfrau Foto: mdt

Michaela Fuhrmann ist Hamburgs erste Frau bei der Müllabfuhr. Besteht sie den Test?

Von Marco Dittmer
Barmbek

Die langen dunkelblonden Haare zum Zopf zusammengefasst, ein Lächeln auf den weichen Gesichtszüge – wenn Michaela Fuhrmann mit ihren drei Kollegen, alle in orangefarbenen Latzhosen, um die Ecke kommt, stutzen viele Anwohner für einen Moment. Eine Frau bei der Müllabfuhr? Wo hat man das schon gesehen? In Hamburg jedenfalls nicht!
Die 36-Jährige ist Hamburgs erste Frau bei der Müllabfuhr. Seit Anfang April steigt die Barmbekerin jeden Morgen um sechs Uhr auf das Trittblech eines Müllwagens und holt den Müll, Tonne um Tonne, aus Hamburgs Kellern und Straßen.

Vorbilder in der Familie

Dass „Müllfrau“ kein typischer Frauenberuf ist, war Michaela Fuhrmann vorher klar. Ein Job im Kostüm, gestylt im Büro - „das wäre nichts für mich“. Künstliche Fingernägel und ein aufwändiges Make-up würden bei ihrem neuen Posten keine Stunde überleben. Auch über Frisuren braucht sich die alleinerziehende Mutter nicht allzu viele Gedanken machen. Fahrtwind und die schweißtreibende Arbeit würden ohnehin alles zunichte machen. Wichtiger ist es ihr, Hamburg ein bisschen sauberer zu machen.
Fuhrmann ist Frontfrau eines Pilotprojektes der Stadtreinigung Hamburg. Das städtische Unternehmen sucht nach Frauen, die, wie Fuhrmann, bei der Müllabfuhr arbeiten wollen. „Durch technische Hilfsmittel ist der Beruf lange kein reiner Männerjob mehr. Deswegen suchen wir schon länger auch nach Frauen. Unter den vielen Bewerbern war bisher aber nicht eine dabei“, sagt Reinhard Fiedler, Sprecher der Stadtreinigung Hamburg. Das soll sich bald ändern. Am Ende der dreimonatigen Testphase kann Pionierin Fuhrmann entscheiden, ob sie bei der Müllabfuhr bleiben möchte. Trotz der anstrengenden Arbeit ist Fuhrmann hochmotiviert. „Anfangs war es sehr hart. Ich bin jeden Tag hundemüde nach Hause gekommen. Spätestens 20 Uhr war ich im Bett.“
Mit ihrem Durchhaltevermögen hat die Müllfrau viele ihrer 900 männlichen Kollegen überrascht. Denn Fuhrmann kann anpacken. 120-Liter-Mülltonnen werden kurzerhand per „Hamburger Griff“ aus dem Keller geholt. Soll heißen: Einer fasst oben, einer unten an. Dann in den Kipper gehievt und wieder zurück in den Keller gebracht.
„Sie macht sich besser als so mancher Mann in dem Job“, sagt Björn Stutzbecher. Der 31-Jährige ist Vorarbeiter und damit der Chef in Fuhrmanns Entsorgungszug. Stutzbecher ist stolz darauf, die erste Frau in seinem Team zu haben. Dass die Powerfrau mal bei der Stadtreinigung landet, hat aber auch etwas mit Familientradition zu tun: Die orangefarbene Arbeitskleidung hängt bei den Fuhrmanns schon lange in der Garderobe. Onkel und Cousin sind ebenfalls bei der Stadtreinigung und auch Großvater Fuhrmann war schon Müllmann. „Als Kind hat mir seine leuchtende Kleidung gefallen“, erinnert sich die junge Mutter.

Müllabfuhr ist beliebter Arbeitgeber

Reinhard Fiedler, Sprecher der Stadtreinigung, fegt ein Vorurteil über Müllmänner/-frauen weg. Der Beruf ist nämlich beliebter als viele meinen und schon lange kein Geheimtipp mehr. „Wir haben jedes Jahr deutlich mehr Bewerber als freie Stellen“, sagt Fiedler. Vorteile gebe es viele: Die Arbeit als Entsorger sei besonders krisensicher, das Einstiegsgehalt liegt bei rund 2.000 Euro und die Arbeit an der frischen Luft ziehen noch immer viele einem Büro vor.
Dabei hat der Beruf auch seine Herausforderungen. „Die Arbeit ist körperlich anstrengend“, so Fiedler. Trotzdem
ist die Hamburger Stadtreinigung mit rund 2.700 Mitarbeitern einer der größten Arbeitgeber für ungelernte Stellen in Hamburg. Wer als Müllmann oder Müllfrau arbeiten möchte, bewirbt sich auf www.stadtreinigung.hamburg oder auf eigene Initiative per Post. Frauen könnten in Zukunft gute Chancen haben.
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