Spielagenturen: Kaum Gewinnchancen

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Wochenblatt-Redakteure Marco Dittmer und Ines Fedder vor den knapp 3000 Einsendungen der Gewinnspielagentur. Die Gewinnchance ist gleich Null Foto: wb
 
Ein Paket mit Tausenden von Gewinnspielkarten landete in der Redaktion Foto: wb

Falsche Versprechen locken und täuschen Verbraucher. Hamburger Wochenblatt spricht mit enttäuschten Kunden, Agenturen und Verbraucherschützern

Von Marco Dittmer
Hamburg
Sie werben mit den ganz großen Gewinnen. Autos, Reisen oder schnelles Geld. Und das alles ganz einfach, fast ohne etwas dafür zu tun. Gewinnspielagenturen wie win24 oder win-ag nehmen für ihre Mitglieder an allen möglichen Gewinnspielen im Internet, von Zeitschriften oder Unternehmen teil. Den Service lassen sich die Unternehmen bezahlen. Wie die Gewinnspielkarten am Ende bei den Verlosungen landen können, zeigt ein Paket, das voll mit Tausenden Postkarten aus ganz Deutschland die Wochenblatt Redaktion erreichte.

Mit Versprechen locken

Es klingt zu verlockend: Jeden Monat an bis zu 200 Gewinnspielen teilnehmen. „Da muss man doch auch mal was gewinnen“, denken sich wohl auch Tausende Kunden von Gewinnspielagenturen. Genauso werben die Agenturen auch im Internet: „Sie nehmen regelmäßig an so vielen Gewinnspielen wie möglich teil und können es deshalb fast nicht vermeiden zu gewinnen“, heißt es auf der Internetseite win24. Jedes Gewinnspiel durchläuft beim Marktführer sogar einen „Gewinnspiel-Check“, um Trostpreise und ungewollte Preise auszuschließen. Alles von einem Notar überprüft.

Geringe Gewinnchancen

Wie niedrig die Gewinnchancen der Teilnehmer aber tatsächlich sein können, zeigte unsere Verlosung zum Hamburg-Musical „Große Freiheit Nr. 7“ mit Volker Lechtenbrink im St. Pauli Theater. Wie immer meldeten sich Dutzende Hamburger, die die Plätze gewinnen wollten. Einen Tag vor dem Einsendeschluss erreichte die Redaktion noch ein schweres Paket. Der Inhalt: 2.989 Gewinnspiel-Postkarten aus ganz Deutschland mit dem Stichwort „Große Freiheit“. Wir hätten nun stolz darauf sein können, dass es unsere Verlosung durch den Gewinnspiel-Check schaffte, waren wir aber nicht. Vielmehr sahen wir knapp 3.000 Einsendungen, die zwar theoretisch wie alle Teilnehmer beachtet werden. Praktisch aber allein durch ihre schiere Masse die Gewinnchancen auf fast Null reduzieren.

Keiner hat bislang etwas gewonnen

„Wir haben uns jede Teilnehmerkarte angeschaut und aus den knapp 3.000 Einsendungen 54 Hamburger Teilnehmer angeschrieben“, sagt Redakteurin Ines Fedder. Nach den vielen Reaktionen die uns erreichten, war schnell klar: Die meisten Teilnehmer sind schon viele Jahre Mitglied. Gelohnt hat sich der Service jedoch für kaum jemanden. Keiner der Anrufer hat etwas gewonnen. Geld macht in diesem Fall nur die Gewinnspielagentur. Denn das Geschäft mit dem Glück ist äußerst lukrativ: Peter Hansen aus Niendorf zahlt seit ungefähr 20 Jahren monatlich 6,14 Euro an die Agentur. „Ich habe das Abo mal in einem schwachen Moment abgeschlossen“, sagt der 60-Jährige. Seit dem verpasst er immer den richtigen Zeitpunkt, um zu kündigen. Unglücklich ist dabei, dass sich sein Vertrag jedes Mal um ein weiteres Jahr verlängert. Helga Harder aus Steilshoop geht es ähnlich. Sie überweist 7,68 Euro jeden Monat an ein Hamburger Unternehmen. Die Seniorin aus Steilshoop will seit Jahren kündigen, weiß aber nicht wie, weil sie sich nicht mehr erinnert, bei wem sie das Abo abgeschlossen hat. Weitere Anrufer berichten ähnliches. Laut den Geschäftsbedingungen kann jeder Teilnehmer zum 15. des letzten Mitspielmonats kündigen. Danach verlängert sich die Laufzeit automatisch um maximal ein Jahr – immer wieder.

Agentur sieht kein Problem

Auf Anfrage des Hamburger Wochenblatts sagt ein win24-Sprecher, dass das Unternehmen seine Gewinnspiele sorgfältig überprüft. Ob die 2935 Nicht-Hamburger unter den Einsendern überhaupt ein Interesse an einer lokalen Hamburger Veranstaltung haben, ist zumindest fraglich. Win24 dazu: „Volker Lechtenbrink gilt als einer der größten noch lebenden Volksschauspieler in unserem Land. Für unsere Kunden wäre ein solcher Gewinn eine lohnenswerte Sache.“

Verbraucherzentrale empfiehlt Kündigung

Julia Rehberg von der Hamburger Verbraucherzentrale sagt: „Unabhängig von der Frage, ob es überhaupt sinnvoll ist, einen Gewinnspielservice gegen Entgelt zu beauftragen, schließen viele Veranstalter Verbraucher, deren Anmeldung über ein Gewinnspielservice erfolgt, von der Teilnahme aus.“ Die Verbraucherzentrale empfiehlt ebenfalls, Verträge mit Gewinnspielunternehmen zu kündigen.

Verbraucherzentrale rät: Wie kündige ich Verträge mit Gewinnspielagenturen?

Ausschlaggebend ist, ob ein Vertrag mit dem Unternehmen zustande gekommen ist. Ein  am Telefon geschlossener Gewinnspielservice-Vertrag ist nur wirksam, wenn der Verbraucher diesen in Textform bestätigt. Besteht kein Vertrag, können die Zahlungen eingestellt werden. Betroffene können das direkt bei ihrer Bank erledigen.
Besteht ein Vertrag, kann dieser zum nächst möglichen Zeitpunkt gekündigt werden. In diesem Fall reicht ein Brief als Einwurfeinschreiben. Weitere Informationen gibt es bei der Verbraucherzentrale Hamburg, Kirchenallee 22, Telefon 040/ 248320 oder online.
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