„Verfolgung voll erlebt“

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Gottfried Lorenz Foto: wb

Gottfried Lorenz über die Repression gegen Homosexuelle – und eine Ausstellung

Hamburg. Noch bis zum 28. Februar ist im Barmbek Basch, Wohldorfer Straße 30, die Ausstellung „Liberales Hamburg? Homosexuellenverfolgung durch Polizei und Justiz nach 1945“. Erstellt wurde sie vom pensionierten Lehrer Gottfried Lorenz und vom Archivar Ulf Bollmann. Auf 27 Ausstellungstafeln zeigt sie die Haltung der Hamburger Polizei und Justiz zu Schwulen und Lesben in Hamburg zwischen dem Kriegsende und 1982 auf. Die Nachwuchsreporter der Stadtteilwelt haben Gottfried Lorenz interviewt. Der heute 73-Jährige war bis 2005 am Gymnasium Glinde tätig.

Stadtteilwelt: Herr Lorenz, wie sind Sie darauf gekommen, eine Ausstellung zu diesem Thema zu machen?
Gottfried Lorenz: Wir haben vor etwa zehn Jahren begonnen, uns mit der Schwulengeschichte Hamburgs zu beschäftigen. Mittlerweile sind vier Bücher entstanden und eine Ausstellung zur Schwulenverfolgung von 1919 bis 1969, die im Bezirksamt Nord zu sehen ist. Im vorletzten Jahr ist ein junger Richter an uns herangetreten und hat gefragt, ob wir uns vorstellen können, eine Ausstellung zu machen, die sich auf die Zeit nach dem Krieg konzentriert. So haben wird die Ausstellung im Auftrag der Justizbehörde erstellt.

Stadtteilwelt: Aktuell denkt man beim Thema Verfolgung von Homosexuellen an Russland, aber nicht mehr an Hamburg...
Lorenz: Meine Generation hat die Verfolgung der Homosexualität noch voll mitbekommen. Der Paragraf 175, der sexuelle Handlungen zwischen Personen männlichen Geschlechts unter Strafe stellte, galt ja noch lange nach dem Krieg weiter.

Stadtteilwelt: Warum galt er nur für Männer?
Lorenz: Nach dem Bild von damals hatten Frauen keine eigene Sexualität, sondern schmolzen dahin, wenn der richtige Mann kam.

Stadtteilwelt: Wie haben Sie die Verfolgung auf Grund des Paragrafen 175 denn selbst erlebt?
Lorenz: Wer schwul war und Kontakte suchte, lebte ständig in der Gefahr, dass das herauskam und er bestraft wurde. Es gab ja neben der strafrechtlichen auch noch eine Diskriminierung in der Bevölkerung. Ich selbst habe das Ganze ganz gut überstanden.

Stadtteilwelt: Wo haben Sie für die Ausstellung recherchiert?
Lorenz: Hauptsächlich im Staatsarchiv, dort liegen die Polizei- und Justizakten, aber zum Beispiel auch Adressbücher, die uns dahin führten, wo bestimmte Kneipen oder Restaurants lagen.

Stadtteilwelt: Haben Sie auch Zeitzeugen befragt?
Lorenz: Für die Zeit nach 1945 ist das kein Problem, mittlerweile bin ich ja selbst auch einer. Für die Zeit vor 1945 ist das schwierig, viele möchten keinen Auskunft geben oder sind so alt, dass sie keine Auskunft geben können.

Stadtteilwelt: Wie sind denn die Reaktionen auf die Ausstellung?
Lorenz: Durchweg gut. Es ist ja auch eine sachliche Ausstellung, die differenziert und nicht polemisiert.

Das Gespräch führten Leopold Lingenberg (14), Hinrich Bonin (15) und Simon Meyer (15).
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