Zahngold von Toten in Hamburg gestohlen

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Wert: 600.000 Euro. Acht ehemalige Mitarbeiter des Krematoriums Öjendorf vor Gericht

Von Martin Jenssen
Hamburg. Immer wieder der schnelle Griff in die Asche. Gleich danach wanderte die Hand in die Hosentasche. Mit einer versteckten Kamera kamen Kripo und Friedhofsverwaltung den „schwarzen Schafen“ im Krematorium des Öjendorfer Friedhofs auf die Schliche. Mit fast jedem Griff wanderte ein Goldzahn in die Hosentasche.
Insgesamt sollen acht ehemalige Mitarbeiter des Krematoriums mehrere Kilo Zahngold gestohlen haben. Der Gesamtschaden dürfte bei rund 600.000 Euro liegen. Die „Bediener von Einäscherungsanlagen“, so ihre Berufsbezeichnung, gaben das Geld für ihre Bedürfnisse aus, für Luxusreisen und Besuche in Spielkasinos.Gegen neun Angeklagte wurde jetzt vor dem Hamburger Landgericht der Prozess eröffnet.
Die Staatsanwaltschaft wirft den Angeklagten gewerbsmäßigen versuchten Diebstahls in Tateinheit mit Störung der Totenruhe und Verwahrungsbruch vor. Insgesamt sollen sie - in wechselnder Beteiligung - 275 Straftaten begangen haben.
Noch vor der Verlesung der Anklage wurde das Verfahren gegen den 62 jährigen Günter K. abgetrennt. Sein Verteidiger erklärte, der Angeklagte sei gehörlos und könne dem Prozess nicht folgen. Das habe er erst am Tag vor Prozessbeginn bei einer Besprechung mit dem Mandanten mitbekommen. Die Vorgespräche hätten seine Mitarbeiter mit Günter K. geführt. Warum die Mitarbeiter nichts von der Gehörlosigkeit mitbekamen, ist allerdings ein Rätsel. Günter K. soll jetzt amtsärztlich untersucht werden. Dann wird ein Einzelverfahren gegen ihn eröffnet.
Neben den verbliebenen sechs ehemaligen Mitarbeitern des Krematorium sitzt auch die Witwe eines „Bedieners“ auf der Anklagebank. Die Angeklagte soll mehrere Kilo Gold an verschiedene Scheideanstalten verkauft und dabei über 200 000 Euro eingenommen haben. Auch auf der Anklagebank: ein Goldhändler. Er soll Zahngold, das aus dem Krematorium stammte, angekauft haben. Er deklarierte die Zähne aber als „Münzen“. Bis zur Entdeckung der Diebstähle wurde das Zahngold der Toten von der Friedhofsverwaltung eingeschmolzen und verkauft. Der Erlös wurde der Deutschen Kinderkrebshilfe gespendet. In Öjendorf war der Verwaltung aufgefallen, dass im Vergleich zu anderen Krematorien nur wenig Zahngold anfiel. Die versteckte Kamera brachte die Aufklärung. Wem das Zahngold der Toten wirklich gehört und wie es verwertet werden darf, ist rechtlich nicht geklärt. Durch die Diebstähle in Öjendorf wurde diese Frage wieder aufgerollt. Deshalb lautet der Vorwurf er Staatsanwaltschaft auch nur „versuchter“ Diebstahl. Für den Prozess sind 20 Verhandlungstage angesetzt. Urteil voraussichtlich im Juli.
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