„Die denken, ich bin verrückt“

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Mit einer kleinen Feier wurde die neue Begegnungsstätte von B+S in der Diagonalstrasse eröffnet Foto: Tripmaker
Hamburg: Diagonalstraße 41 |

Begegnungsstätte von B+S Soziale Dienste bietet Struktur und Unterstützung für Menschen mit Depressionen

Von Marco Tripmaker
Hamm
Immer mehr Menschen leiden unter Depressionen, genau wie Marianne* und Petra*. Beim Frühstück in der Begegnungsstätte Hamburg-Hamm, einem Angebot von B+S Soziale Dienste, erzählen sie über ihre Krankheit und warum der Treff des sozialen Trägers so wichtig für sie ist. „An manchen Tagen“, erzählt Marianne, „da komme ich überhaupt nicht aus dem Bett. Alles fällt mir schwer, alles ist furchtbar anstrengend.“ Vor einigen Jahren bricht die Krankheit bei ihr aus, nichts funktioniert mehr wie vorher, Marianne verliert ihren sicher geglaubten Job als Krankenschwester. Sie versucht sich das Leben zu nehmen. Seitdem kämpft die 50-Jährige gegen die Depressionen – mit Medikamenten, mit Therapien und mit der Hilfe der Sozialpädagogen von B+S Soziale Dienste. Das Unternehmen betreut in seiner Begegnungsstätte in der Diagonalstraße Klienten in der Ambulanten Sozialpsychiatrie, viele von ihnen leiden wie Marianne und ihre Freundin Petra unter Depressionen.

130.000 Depressions-Patienten in Hamburg

Depression, die Volkskrankheit: Laut Weltgesundheitsorganisation WHO waren 2015 weltweit 322 Millionen Menschen betroffen, das sind fast 20 Prozent mehr als noch zehn Jahre zuvor. Allein in Hamburg sollen 2015 über 130.000 Depressions-Patienten in ärztlicher Behandlung gewesen sein. Dreimal pro Woche geht Marianne zur Begegnungsstätte: Zweimal zum Frühstück, einmal zur Spielgruppe. „Ohne dieses Angebot hätte ich überhaupt keine Tagesstruktur. So komme ich wenigstens mal raus und kann mit Leuten sprechen, die mich verstehen“, sagt sie.

Kein Therapieplatz in der Nähe

Wie die meisten im Treff lebt auch Marianne von Hartz IV, die Hoffnung, in ihren Beruf zurückzukehren, hat sie längst aufgegeben. „Wie soll das auch funktionieren, wenn ich solche Ängste habe?“ Marianne hat Angst vor Menschenmassen, kann allein nicht Bus oder Bahn fahren. „Das ist ein Gefühl im Bauch wie Achterbahnfahren, wenn es runter geht. Zwei Stunden unter Menschen ist für mich anstrengend wie ein achtstündiger Arbeitstag“, sagt Marianne. Einen Therapieplatz gibt es für sie in der Nähe ihrer Wohnung nicht. Es bleiben allein die Sozialpädagogen von B+S Soziale Dienste, die versuchen, ihren Klienten wieder Halt im Alltag zu geben und bei Behördengängen zu unterstützen.

Strukturen im Alltag schaffen

Michael Rulfs arbeitet seit sieben Jahren bei B+S und kümmert sich unter anderem um die Sozialberatung in der Begegnungsstätte, die kürzlich eröffnet wurde. Die Türen des Hauses stehen immer offen, jeder aus dem Viertel kann mit seinen Problemen kommen, so die Philosophie. „Jeder zweite unserer festen Klienten leidet unter Depressionen. Viele haben schon in ihrer Kindheit Missbrauch und Vernachlässigung erlebt, häufig spielt auch Alkohol eine Rolle. Wir wollen diesen Menschen wieder Sicherheit und eine Struktur geben, wir helfen ihnen auch, wenn es auf dem Amt Probleme gibt“, sagt Rulfs. Für ihn ist diese Arbeit mit Menschen eine Herzensangelegenheit und besonders schön ist es, wenn ein Klient wieder vermittelt werden kann, wie Mehmet, der jetzt bei einer Spedition arbeitet. Petra kommt vier Mal die Woche zu B+S: vor allem beim Frühstück, bei der Kochgruppe und den Literaturabenden ist sie gern dabei. Petra war schon oft zur Therapie in Tageskliniken. Dort hat sie einen Stein gemeißelt, den sie ganz fest in der Hand hält. „Das gibt mir Ruhe“, sagt Petra leise. Sie hat ständig Angst, verfolgt zu werden. Abends im Bett ist es am schlimmsten.

Einsamkeit und Selbsthass

Ihrem Umfeld spielt Petra seit Jahren etwas vor, nur ganz wenige wissen davon, dass sie schwere Depressionen hat und nur mit Mühe ihren Alltag im Griff hat. „Die meisten Menschen denken immer, wir sind nur traurig. Aber das stimmt nicht. Es ist auch eine Leere in mir, es ist Einsamkeit und Selbsthass“, erklärt Petra, die sich förmlich aus dem Haus schleicht, damit die Nachbarn nicht merken, dass sie zum B+S-Treff geht „und denken ich bin verrückt.“ Seit kurzem, erzählt Petra stolz, gibt es wieder etwas Schönes in ihrem Leben. Endlich. Enkel Lukas ist da. „Das hält mich ganz dolle hoch“, sagt sie und lächelt etwas. (* Namen von der Redaktion geändert)

Vortrag zum Thema Depressionen am 12. Oktober

Am Sonnabend, den 12. Oktober, gibt es um 16 Uhr in der Begegnungsstätte Diagonalstraße 41 einen Vortrag zum Thema Depressionen, der für Jedermann zugänglich ist. Es referiert Dr. Hans-Heinrich Benecke, Leitender Psychiater der Tagesklinik Mümmelmannsberg.

Das ist B + S

Der soziale Träger B+S Soziale Dienste GmbH und Co. KG wurde 1995 von Thomas Betzin und Udo Schmidt gegründet und beschäftigt mittlerweile 115 Mitarbeiter in den Hansestädten Hamburg und Stade. B+S ist in Ambulanter Sozialpsychiatrie, Betreuten Wohnen, Sozialpädagogischer Familienhilfe sowie Wohnassistenz für geistig und mehrfach behinderte Menschen tätig. Weitere Infos: B+S Soziale Dienste
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