Die Prignitz - eine Wunder-Welt

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Die Prignitz ist eine ländliche Idylle voller Wunder.
 
Die Wunderblutkirche St. Nikolai in Bad Wilsnack. Der Ort war als „Santiago des Nordens“ fünftgrößter Wallfahrtsort der damaligen Zeit.
 
Über 1.000 km beschilderte Radwege
Ideal für Familien-Radtouren zwischen Elbe, Havel und Müritz
Von Elke Backert

Sie kennen die Prignitz? Nein, für Sie ein weißer Fleck auf der Landkarte? Wer will denn da schon hin, wenn das aus dem Slawischen stammende Wort „Prignitz“, erstmals 1349 in einer Urkunde erwähnt, „unwegbares Waldgebiet“ bedeutet und die Einwohnerzahl stetig schrumpft.
O doch, als Tourist gern, denn aus dem „Unwegsamen“ wurde „Wegsames“, ohne die Natur anzutasten und die Ruhe zu stören. Über 1.000 Kilometer Radwege zwischen den Flüssen Elbe, Elde, Dosse und Havel sind beschildert und leicht auch mit Kindern befahrbar. „Wir haben keine Berge, die höchsten Erhebungen sind die Autobahnbrücken.“ - Das stimmt nicht, sie haben Deutschlands höchsten hölzernen Aussichtsturm, den 45 Meter hohen Turm Blumenthal am Pötterberg in Heiligengrabe. Und direkt an der Grenze zur Prignitz liegen die sagenhaften Ruhner Berge, mit 176 Metern die zweithöchste Erhebung Mecklenburgs.

Es war einmal, von 1383 bis 1552, da zog das Wunder der drei von einem Brand verschonten, jedoch mit Blut befleckten Hostien Tausende von Pilgern an. Ihr Ziel war die Wunderblut-Kirche St. Nikolai im Dörfchen Wilsnack, als „Santiago des Nordens“ fünftgrößter Wallfahrtsort der damaligen Zeit. Die Kirche versprach den Büßern Ablass. Sie mussten sich auf eine Waagschale setzen und ihr Gewicht in Gold und Kostbarkeiten aufwiegen. Bis nach der Reformation der erste protestantische Pfarrer die Wunderblut-Hostien dem Feuer übergab und dem Wunderspuk ein Ende machte. Heutige Besucher erfreuen sich an dem grandiosen Gotteshaus, das in seinen neun hohen Fenstern die größte Sammlung mittelalterlicher Glasmalereien Brandenburgs birgt. Noch zu besichtigen ist der Hostienschrein, und eine Muttergottes-Statue mit einem zwölfjährigen Jesus an der Hand gibt es äußerst selten.
Aus dem Dörfchen wurde das Heilbad mit Therme und Sole aus tausend Meter Tiefe. Ein Gradierwerk versprüht salzhaltige Meeresluft. Über 800 Besucher zählt man jeden Tag aufs neue.

Gehört das Wunder von Wilsnack zu den Legenden, handelt es sich bei dem „Wunderknaben von Kehrberg“ um eine wahre Geschichte. Johann Ludwig Hohenstein, Sohn eines Schmieds, heilte von 1732 bis 1734 30.000 Kranke, weshalb auch der alte und kranke Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. ihn nach Berlin rief. Zur Erinnerung an Legende und Wahrheit begeht Wilsnack Ende August das jährliche Pilgerfest mit Konzerten und Theateraufführungen zum Thema, und die Theateraufführung „Der Wunderknabe von Kehrberg“ vor der Kirche im 25 Kilometer entfernten Kehrberg erinnert an eine spätere Wallfahrt.

In den Reigen reiht sich Heiligengrabe ein, die einzig vollständig erhaltene, von Stiftsdamen bewohnte und bewirtschaftete Klosteranlage Brandenburgs. Das heilige Grab in der Kapelle mutet eher wie ein irdischer Steinbackofen an. Nach der Legende stahl ein Jude eine geweihte Hostie. Sie blutet und bewirkt Wunder. An der Stelle, wo der Jude sie begraben hat, entsteht die Heiliggrab-Kapelle. So einfach war das.
Die Äbtissin und ihre neun Damen scheinen sehr fleißig und geschäftstüchtig. Ein Trau-Raum lädt Ja-Sager ein, der Klosterhof zu gutem Essen, die Gutshöfe zum Übernachten für ein geringes Entgelt, ein Museum zum Informieren über das Klosterleben und die gesamte Anlage zu Führungen, Konzerten und Veranstaltungen.

Die Prignitz gehört zu den ältesten Kulturlandschaften der Mark Brandenburg. Heute ist sie der nordwestlichste Teil des Bundeslandes Brandenburg und grenzt an Sachsen-Anhalt, Niedersachsen und Mecklenburg. Berlin ist eine Autostunde entfernt, Hamburg etwa zwei. Genauso schnell ist sie mit dem Zug zu erreichen.

Räder kann man vor Ort leihen. Es bieten sich fertige Touren an wie Bischofs-, Wallfahrts-, Klostertour. Überschaubare Orte mit überdimensionalen Domen, reichen Feldstein- und bunt bemalten Bauernkirchen wie die von Lennewitz, Fachwerk-, Giebel- und Traufhäusern, ländliche Herrensitze und Burgen, sogar Biberburgen, erzählen aus der langen Besiedlungsgeschichte des Landstrichs. Den Biber durften die Bischöfe damals essen. Wegen seines Schuppenschwanzes wertete man ihn als Fisch. Ist das Unesco-Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe-Brandenburg ein einmaliges Rückzugsgebiet für Pflanzen und Tiere der Auenlandschaft, ist es für Ruhesuchende reine Erholung. Auf der Fahrt hüpfen schon mal Rehe über die Straße, hin und her. Also aufgepasst!

Havelberg, seit 2008 Hansestadt, lockt mit dem 18 Meter über der Havel thronenden gotischen Dom und seinem 47,5 Meter hohen Turm. Eine Besonderheit ist die Chorschranke, ein Lettner aus Sandstein. Immer am letzten Samstag im Juni ist Domfest. Noch bekannter sei der traditionelle Pferdemarkt Anfang September, den es seit 1170 gibt.

Die Plattenburg, eine Wasserburg, deren Wassergraben erhalten blieb, weil seit dem Mittelalter Fischzucht betrieben wird, verkauft sich prächtig - als barockes Standesamt mit kirchlicher Trauung, Festessen und Herberge. Bis zu 60 Paare im Jahr schließen hier den Bund fürs Leben. Ihre „Tafelrunden“ genannten Ritteressen kommen gut an, ebenso das „Plattenburg-Spektakel“ und die Festspiele „Rock auf der Burg“.

Am ersten Wochenende des Monats wartet in Lindenberg „Pollo“ auf Fahrgäste. Die Kleinbahn wurde 1898 ins Leben gerufen für den Transport der Gutsbesitzer und ihrer Waren. Heute erfreut sie junge und alte Besucher.

Damit Kinder, aber auch Erwachsene, sich richtig austoben können, sucht man den Wald-Lehrpark Groß Pankow auf. Er lehrt nicht nur, wie eine Scheinzypresse aussieht und ein Fingerstrauchgelb, er macht Spaß mit schwankendem Balancierbalken, dem Waldmoorspiel, das man in 20 Sekunden auf wackeligen Holzscheiten durchspringen muss, einem „Mensch ärgere dich“, wo sich die Personen gegenseitig rauswerfen, und vielen lustigen Sachen mehr. Hinzugekommen sind eine Sommerrodelbahn und ein Naturbadesee.
Gegen den Hunger hilft die „Hexe“, wo alle Gerichte Märchennamen tragen und auch die „Märchentage“ stattfinden.
Info: www.dieprignitz.de

Fotos Elke Backert
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