„In einem Meer voller Menschen“

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Die besten Fünf in der Kategorie U14 (v.l.): Maj Treibel (1. Platz), Samira Eren (5. Platz), Klara Miebach & Runa Romatowski (4. Platz), Annika Mühlhause (3. Platz) und Dilara Cankaya (2. Platz) Fotos: Thiele

Nachwuchsautoren beim Brakula-Schreibwettbewerb „Heimat, Digga“ ausgezeichnet

Von Ulrich Thiele

BRAMFELD. „Ich zweifel an dir, an der Notwendigkeit deiner Existenz. Die ganze Welt ist doch mein Zuhause. Vielleicht bist du auch einfach das, was meinen Charakter prägt, ein Überbegriff für alle Einflüsse auf meine Person. Also wäre es ja unnötig nach dir zu suchen... Ach… Ich geb’s auf… Heimat, Digga, ich komm nicht auf dich klar…“, dichtet die Schülerin Pegah Monir keck zum Thema „Heimat“.

Genauer gesagt: „Heimat, Digga!“, denn so lautet auch das Motto des vom Bramfelder Kulturladen (Brakula) initiierten Jugendschreibwettbewerbs, für den Pegah ihr Gedicht schrieb. Zusammen mit knapp 120 anderen Nachwuchsautorinnen und -autoren nutzte sie damit die Chance, den Vorurteilen über eine vermeintlich desinteressierte Jugend und verrohte Jugendsprache mit einer großen Portion Kreativität entgegenzuwirken.

Mit originellen Beiträgen behandeln die jungen Dichterinnen und Dichter in Kurzgeschichten, Gedichten, Rap- und Slam-Texten das große und hochaktuelle Thema. 30 der eingereichten Beiträge in den Kategorien U18 und U14 wurden von der aus zwei Lektorinnen, einem Autoren sowie einem Slam-Poeten bestehenden Jury auf die Shortlist gesetzt, aus der wiederum die zehn besten Texte ausgewählt und vorigen Dienstag im Gemeindesaal der Osterkirche Bramfeld mit Sachpreisen und Urkunden ausgezeichnet wurden.

„Ich bin echt ein bisschen neidisch: Ich hätte in dem Alter auch gerne schon so schreiben können“, staunte Jury-Mitglied und Slam-Poet David Friedrich, der als Moderator humorvoll durch den Abend führte.

In der Tat boten sich ihm und dem Publikum abwechslungsreiche und komplexe Auseinandersetzungen mit dem großen Thema: „Und wie aus dem Nichts waren wir auf dem Meer, in einem Meer voll Menschen und es war eng, so eng, ich spürte jeden einzelnen Knochen neben mir, jeder Atemzug streifte mich und jedes Geräusch erreichte mich, es war beinahe so als wäre ich der Mittelpunkt alles Leidens hier, der jede Träne, jeden Blick in sich aufnahm und in sich behielt. Und mich erreichte der Blick meiner Mutter, die gegenüber von mir gequetscht wurde, sie schenkte mir und meinem Bruder ein Lächeln, doch es munterte uns nicht auf wie sonst. Nein, denn wir sahen ihre Verzweiflung und ihr Leid deutlich in ihren Augen und das war das einzige was uns erreichte“, schreibt beispielsweise die in der Kategorie U18 zweitplatzierte Ricarda Heinz (Jahrgang 1999) in ihrer Kurzgeschichte über eine flüchtende Familie, die die Jury mit ihrer „direkten, impulsiven Sprache“ überzeugen konnte.

Auch die ganz jungen Nachwuchsschriftsteller/innen aus der Kategorie U14 beeindruckten mit nicht minder originellen Texten. Die Schülerin Maj Treibel (Jahrgang 2001) konnte die Jury mit ihrer phantasievollen Geschichte „Die Insel“ überzeugen und ging als Siegerin aus ihrer Kategorie hervor: „Papa hatte uns ein Wrack versprochen, aber da war nur ein Gerippe. Die letzten Überreste eines gestrandeten Schiffes. (...) Ich erinnere mich daran, wie Maria uns hier her schleifte, obwohl wir gar nicht wollten. Trotzdem faszinierte uns das Schiff.

Wir kletterten in die Kajüte, erzählte Papa. Er erwähnte seine Mutter Maria. Meine Oma, die ich nie kennen gelernt hatte. Ich wusste nicht viel über sie, deswegen machte es mich neugierig, dass er ihren Namen sagte. Die Vorstellung, dass sie vor 30 Jahren am selben Ort wie ich gestanden war, das selbe Meer sah und auch das Wrack, faszinierte mich“, heißt es in Majs Kurzwerk, das dem Urteil der Jury nach „auf kunstvolle Weise zeigt, wie Eindrücke und Erinnerungen zusammenhängen.“

Sammelband geplant


Théo Severin (Jahrgang 2000), Sieger in der Kategorie U18, konnte die Jury mit einer durchkomponierten, mit vielen Satzzeichen arbeitenden Geschichte überzeugen, deren Thema dem Leser lange ungewiss bleibt. Nicht ohne Grund: „Ich finde es spannend, Sachen zu sagen, ohne sie zu sagen. Mich interessiert der Inhalt hinter den Worten, deswegen spreche ich das Thema der Transsexualität in der Geschichte lange nicht direkt an. Ich sage auch zum Beispiel nie direkt, dass die Person flüstert. Das muss der Leser selbst durch die Struktur der Satzzeichen merken“, erklärte der Sieger.

Es fiel ihm schwer, seinen Text an diesem Abend vorzutragen, sagte der Jungdichter Théo Severin , denn es sei eigentlich ein Text, der gelesen werden muss. Diese Chance wird bald jedem gegeben sein: Alle 30 Texte aus der Shortlist werden demnächst in einem vom Brakula herausgegeben „Heimat-Digga“-Sammelband im Hamburger tredition-Verlag veröffentlicht.
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