Auf der Suche nach Idealen

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„Kriegt man die Kurve zurück zu seinen Idealen?“ fragt sich Autorin Soluna Bach Foto: Flüß
 
Soluna Bach: Herzkammeranarchie, List, 14,99 Euro, ISBN 978-3-471-35118-5, erhältlich auch in der Buchhandlung Heymann am Eppendorfer Baumund bei Das Buch in der Eppendorfer Landstraße Repro: wb

Soluna Bach veröffentlicht ihren zweiten Eppendorf-Roman

Von Miriam Flüß
Eppendorf/Winterhude
Von der Hausbesetzerin zur Immobilienbesitzerin ist Hilly mutiert. Nun lebt die Mittvierzigerin im feinen Harvestehuder Jungfrauenthal nahe der Grenze zum nicht weniger noblen Teil Eppendorfs. Sozialer Abstieg bedeutet in ihren Kreisen, in den Teil Eppendorfs nahe Lokstedt „direkt neben einer Tankstelle“ ziehen zu müssen. Ein Schicksal, das eine ihrer Freundinnen aus dem Innocentia Park nach der Scheidung ereilte. Hilly ist gut verheiratet mit Vidhu, den sie zu Studentenzeit im indischen Goa kennenlernte und mit der Heirat den Weg in den Westen ebnete. Wo er als Chirurg am UKE Karriere machte. Auf einem der dazugehörigen Arztfrauen-Dinners wird Hilly klar, dass sie in einem Leben festsitzt, das sie nicht wollte. Umgeben von Dingen, die sie nicht braucht und Menschen, die sie nie kennenlernen wollte. In „Herzkammeranarchie“ schildert die Winterhuder Autorin Soluna Bach sehr böse und sehr amüsant, wie Hilly ein neues Leben im alten anfängt. Sie verliebt sich in den Weltverbesserer Arne, einen Kumpel aus Studentenzeiten und in Dorothea, die Frau ihrer Schulfreundin Jule. „Wie man sich immer weiter von seinen Idealen, von dem, was man mal wollte, entfernt, hat mich umgetrieben“, erzählt Soluna Bach. „Kriegt man die Kurve zurück, ist das möglich?“ „Herzkammeranarchie“ ist ihr zweiter Eppendorf-Roman. Das Debüt „Hühner und Handtaschen“, in dem die Autorin den Mikrokosmos Isestraße mit scharfem Blick aufs Korn nimmt, hat sie im Selbstverlag veröffentlicht. Eine Lektorin des Ullstein-Verlags wurde auf das ebenso lustige wie bitterböse Werk – über das das Wochenblatt berichtete – aufmerksam und nahm Soluna Bach unter Vertrag. „Zum Schreiben bin ich über das Lesen gekommen. Ich lese alles von Thomas Mann bis Helene Hegemann“, erzählt die aparte blonde Autorin, die ihren Lebensunterhalt als Illustratorin verdient. „Zum Zeichnen muss man wahnsinnig genau hingucken“, erklärt sie ihre scharfe Beobachtungsgabe und versichert, dass keine ihrer Figuren auf realen Personen beruhen: „Ich beobachte gern Menschen und denke mir Geschichten zu ihnen aus. Natürlich besteht Eppendorf nicht nur aus superarroganten Schnöseln.“ Eine Veränderung im Stadtteil, in dem sie 20 Jahre lang gelebt hat, nimmt sie aber deutlich wahr. „Wenn Fassaden immer glatter und schöner werden, passen die Menschen irgendwann nicht mehr dazu“, prophezeit Bach, die mit ihrem Roman einen Finger in die Wunde legt: „Ich hoffe, dass das ankommt, aber ich möchte nicht pädagogisch schreiben.“ Nein, einen erhobenen Zeigefinger gibt es nicht in Hillys (Rück)-entwicklungsgeschichte, aber das Lachen bleibt einem mehr als einmal im Halse stecken, wenn man der Protagonistin in ihre Gedanken- und nur zu bekannten lokalen Welten folgt. Und ganz düstere Zukunftsaussichten können die Leser bei dem Gedanken an die Ideale ereilen, zu denen die Jugend einst zurückkehren könnte: Hillys studierende Tochter Elise ist eine Streberin mit einem glattgegelten Freund, „der aussieht wie Kai Dieckmann vor seiner Silicon-Valley-Zeit.“ Sohn Nick einer jener „Berliner Hipster, die so individuell sind, dass sie alle gleich aussehen.“ Da wächst einem Hilly, die zwischen Eppendorfer Tussis und humorbefreiten Altlinken wie es ihr gerade in Kram passt hin und her springt, direkt ans Herz. Sie ist mit Ecken und Kanten zumindest eine Herausforderung.

Weitere Infos: www.herzkammeranarchie.com
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