Hamburg: Dinge „sterbefein“ verpackt

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Beklebt mit Erinnerungen: Agnes (Gilla Cremer) Foto: Bo Lahola

Gilla Cremer erinnert sich in autobiografischem Stück an ihre Eltern

Hamburg. Umzugskartons türmen sich auf der Bühne der Hamburger Kammerspiele, hübsch geordnet übereinander gestapelt. Eine Frau im modisch schwarzen Mantel erzählt von ihrer Mutter, die viel zu früh gestorben sei, und die sich frühzeitig mit ihrem Tod und damit beschäftigt hat, welche Tochter was bekommen soll, weil die vier Mädels sich nicht entscheiden konnten oder wollten. Die Frau ist Agnes, Tochter Nummer drei, heute freischaffende Schauspielerin. Ihre Schwestern haben Superjobs. Keine hat Kinder. Agnes rastet aus. Das hat sie immer wahnsinnig gemacht, dass die Mutter ihren Tod so ordentlich geregelt und schon bei Urlaubsreisen das Haus „sterbefein“ hinterlassen hat.
Gilla Cremer, die Agnes spielt, macht sich in ihrem autobiografisch geprägten Stück „Die Dinge meiner Eltern“ in der behutsamen Inszenierung von Dominik Günther auf die Suche nach ihrer Kindheit und nach dem Leben der Eltern. Die Hinterlassenschaften von Mutter und Vater, der nun auch gestorben ist, lassen die Kindheit wieder lebendig werden. Agnes wurde auserkoren, den Hausstand aufzulösen. Sie muss Hunderte von Gegenständen auflisten, die die Eltern in ihrem Haus angesammelt haben, und entscheiden: behalten, verschenken, wegwerfen, verkaufen. Mit Hilfe der Kartons rekonstruiert sie das gut situierte Leben ihrer bürgerlichen Familie. Mal sind die Pappkisten Mutter und Vater im Bett, mal Tisch und Stühle, mal ein turmhoher Spiegel, vor dem Klein-Agnes ihre Pickel ausdrückt. Gilla Cremer nimmt das Publikum mit in eine geordnete Kinderwelt, die die heranwachsenden Töchter spießig fanden, obwohl die Eltern sich zeitgemäß einrichteten. „Waren wir Kinder vielleicht spießig?“, fragt sich Agnes. Sie fragt nach Hans, der der Mutter Briefe schrieb, nach dem Vater, der die SS-Orden des Großvaters aufbewahrte. Eine geordnete und doch fragwürdige bürgerliche Welt wird lebendig, spürbar durch die emotionale Kraft der Gilla Cremer und die Leichtigkeit, mit der sie dieses schwere Thema, nachdenklich, humorvoll, liebevoll präsentiert. Was für ein großartiger Abend! Noch zu sehen am 30. und 31. März in den Hamburger Kammerspielen, Hartungstraße 9-11.
(ch)
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