Tragik statt Operette

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Susanne Bard und Jörg Schüttauf brillieren im Stück „Abraham“ in den Kammerspielen Foto: Kammerspiele

Kammerspiel-Stück über verfolgten jüdischen Komponisten

Eppendorf Operetten wie „Die Blume von Hawaii“, „Ball im Savoy“, „Viktoria und ihr Husar“ stehen für leichte Muse mit der Tendenz zu kitschigen Texten. Die tragische Lebensgeschichte ihres Urhebers Paul Abraham (1892 – 1960) ist nun in einer brillanten Verwebung seiner biografischen Stationen in den Kammerspielen mit Jörg Schüttauf in der Rolle des „Abraham“ zu sehen. Das Leben des jüdischen Komponisten aus Ungarn begann als Operette und endete als Tragödie. Bis zu Beginn der 1930er Jahre feierte er mit seiner leichten, aber avantgardistisch arrangierten Muse europaweit rauschende Erfolge. Und der Lebemann wusste auch selbst zu feiern. Er genoss seinen Reichtum in vollen Zügen, nicht selten mit Prostituierten. Prominente und Politiker gehören zu seinen Fans, unter den Gästen der Uraufführung von „Ball im Savoy“ Ende Dezember 1932 in Berlin befand sich auch Reichskanzler Kurt von Schleicher mit all seinen Ministern. Keine fünf Wochen später ist der Reichskanzler jedoch abgelöst, die neuen braunen Machthaber verwehren Abraham den Zutritt zu seiner eigenen Premiere. Die Tragödie nimmt mit der Flucht nach Budapest und weiteren Stationen über Wien, Paris und schließlich New York ihren Lauf. Abraham verarmt und zeigt zunehmend eine von Syphilis ausgelöste geistige Desorientierung, die ihn 1946 für zehn Jahre in eine psychiatrische Klinik bringt. An seiner Seite nun wieder seine nicht-jüdische Frau Sarolta Feszely, die nach der Flucht aus Berlin in Budapest geblieben war. „Wer lebt auf unsere Kosten?“, will Sarolta wissen, die auf Abrahams letzter Station Hamburg mit dem ehemaligen Operetten-König von 500 Mark Rente monatlich leben soll. Abrahams ehemaliger Chauffeur, dem der Komponist vor seiner Flucht den Safe-Schlüssel für 200 Kompositionen anvertraut hatte, verkaufte diese an „arische“ Musiker. 37.000 Mark Entschädigung wurden Abraham schließlich zugesprochen. Wenige Monate später starb der Komponist in Hamburg und wurde auf dem Ohlsdorfer Friedhof beigesetzt. Jörg Schüttauf wechselt fließend zwischen den verschiedenen Lebensstationen Abrahams und brilliert als verwirrter, gebrochener, aber auch egozentrischer, bisweilen arroganter Künstler und Lebemann. An seiner Seite schlüpft Susanne Bard nicht weniger herausragend in sämtliche Frauenrollen, gibt kokette Operettendiven und strenge Stewardessen ebenso wie die verbitterte Sarolta. Neben gelegentlichen Video-Einspielern in dem schlichten Bühnenbild übernehmen vor allem die Requisiten die Orientierungsmarken der biographischen Stationen: So wird Abrahams schneeweißes Hemd schließlich zur Zwangsjacke. Der Applaus für Schauspieler und Regisseur Klaus Noack wollte zu Recht nicht enden. (flü)

„Abraham“ ist bis 28. November in den Kammerspielen, Karten unter Telefon 413 34 40, weitere Infos: Hamburger Kammerspiele
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