„Verbrannte“ Karrieren aus Eppendorf

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Historiker Wilfried Weinke in einem der von ihm ausgestellten Bücher von ausgegrenzten Autoren: „Das Vaterland“ von Heinz Liepmann, „ein Tatsachenroman aus dem heutigen Deutschand“ Foto: Hanke

Stabi stellt 18 Autoren vor, die heute vielleicht berühmt wären – hätte es die Nazis nicht gegeben

Rotherbaum/Eppendorf. Mädchen setzen ihre Rechte gegen die Jungs durch, gründen einen Mädchenbund und schaffen es einen „Frieden der Geschlechter“ zu diktieren.

Diese Vision hat die jüdische Schriftstellerin Grete Berges auf Anregung ihrer Tochter in ihrem Jugendbuch „Lieslott diktiert den Frieden“ entworfen, einem Buch, das in Eppendorf spielt, 1932 veröffentlicht, ein Jahr bevor Grete Berges Hamburg verlassen musste und nach Schweden emigrierte. Grete Berges ist eine von 18 Autorinnen und Autoren, die in der Ausstellung „80 Jahre Bücherverbrennung in Hamburg“ im Lichthof der Staats- und Universitätsbibliothek (Stabi) gewürdigt werden. Historiker Wilfried Weinke, der die Ausstellung erarbeitete und zusammenstellte, hat auf 54 Tafeln das Leben und Wirken von Hamburger Autorinnen und Autoren in den Mittelpunkt gestellt, die von den Nationalsozialisten aufgrund ihrer Herkunft, Veranlagung oder Einstellung aus ihren Berufen und Positionen gedrängt wurden. Literaten, die nicht so berühmt waren, dass man sich nach dem Nazi-Schrecken wieder an sie erinnerte. Vier übergroße aufgeklappte Bücher geben außerdem einen Einblick in vier ihrer Werke.
Ein großes, über mehrere Tafeln verteiltes Foto von der Bücherverbrennung am Kaiser-Friedrich-Ufer am 15. Mai 1933 daran, dass die Nazis auch in Hamburg ihnen missliebige Bücher in offiziellen Aktionen dem Feuer übergaben. Ein neu entdecktes Foto, dass der Darstellung von der Bücherverbrennung gegenübergestellt wurde, zeigt außerdem viele Neugierige, die dabei zuschauten. „Die Bücherverbrennung ist nur der äußerliche Anlass, um weniger bekannte Autoren, die damals verfolgt wurden, ans Licht der Öffentlichkeit zu bringen“, erläutert Wilfried Weinke das Ziel der Ausstellung. Wichtig war ihm auch der Stabi-Lichthof als Ort, denn viele der vorgestellten Autorinnen und Autoren lebten ganz in der Nähe im Grindelviertel. So erfahren Besucher etwas über Grete Berges, die die renommierte Mädchenschule von Dr. Löwenberg in der Johnsallee besuchte, von ihrem Bruder Max Ludwig Berges, der nach Shanghai emigrierte, von Cheskel Zwi Kloetzel, der ein Jugendbuch über einen jüdischen Jungen aus Hamburg mit Namen Moses Pipenbrink geschrieben hat, von Heinz Liepmann, der 1933 den ersten antifaschistischen Roman „Das Vaterland. Ein Tatsachenroman aus dem heutigen Deutschland“ schrieb, von dem Verleger Kurt Enoch oder dem Rechtsanwalt Bernhard Karlsberg, die beide das Wilhelm-Gymnasium besuchten, dessen Pausenhalle der heutige Lichthof der Stabi ist. Menschen, deren Werke vielleicht heute in aller Munde wären, hätten sie nicht 1933 ihre Laufbahnen unterbrechen oder aufgeben müssen.
Die Ausstellung ist bis zum 28. Juni im Lichthof der Stabi, Von-Melle-Park 3, zu sehen. (ch)
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