Auf jüdischen Spuren

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Gestern und heute auf dem Joseph-Carlebach-Platz: Rundgang „Jüdisches Leben im Grindelviertel“ mit Stattreisen Foto: Gehm
 
19 Stolpersteine befinden sich vor dem historischen Gebäude der einstigen Talmud Tora Schule Foto: Gehm

Joseph-Carlebach-Schule im Grindelviertel ist „beste Stadtteilschule“

Von Dagmar Gehm

Hoheluft-Ost/Eppendorf Häufig verlässt sie ihr eigenes Quartier St. Georg - und dann besucht Peggy Parnass das Grindelviertel. Um eine Lesung zu halten im jüdischen Salon des Café Leonar oder sich einen guten Film im Abaton anzusehen. In der Talmud Tora Schule stehen ihre Bücher im Korridor (z.B. „Prozesse. 81 Gerichtsreportagen“*, „Unter die Haut“ und „Kindheit“), und im Karolinenviertel wurde eine Straße nach ihrer Tante Flora Neumann benannt. Selber sah die Hamburger Autorin und Schauspielerin Peggy Parnass 1939 am Hauptbahnhof ihre Mutter zum letzten Mal, als sie und ihr vierjähriger Bruder Gady in einen Zug nach Schweden gesetzt wurden. Vorsichtshalber. Tatsächlich wurde die Mutter wenig später deportiert. Seitdem kämpft Peggy unermüdlich gegen das Vergessen.
Mittendrin im Viertel
Mitten hinein in das Dritte Reich und seine Aufarbeitung begleiten auch die Führungen von Stattreisen „Jüdisches Leben im Grindelviertel“. Etwa die Hälfte der 20.000 Hamburger Juden lebte bis zu den Verfolgungen in der NS-Zeit im Grindelviertel. Betstuben, Schulen und Geschäfte mit hebräischen Büchern oder koscheren Lebensmitteln belebten die Straßen. Auf den Spuren ihrer Großmutter ist Evelyn Buttgereit aus Uelzen auf dem Rundgang unterwegs. Im Grindelhof 66 hatte die Oma eine Schneiderei betrieben. Noch gut kann sich ihre Enkelin an Omas Erzählungen erinnern, über jüdische Kunden, von denen sich einige noch rechtzeitig in die USA absetzen konnten. Und davon, wie sich vor dem Logensaal in den Hamburger Kammerspielen jüdische Bürger versammelten, die von hier aus in die Vernichtungslager deportiert wurden. Nach Kriegsende hatte die Schauspielerin Ida Ehre die Kammerspiele dann wieder eröffnet.
Synagoge übersehen
Vier Synagogen haben im Grindelviertel gestanden. Die bekanntesten waren die Neue Dammtor-Synagoge am Allende-Platz und die Bornplatz-Synagoge am Joseph-Carlebach Platz. Eine Stele mit Gedenktafel erinnert an die ehemalige Neue Dammtor-Syngoge, die 1943 bei einem Bombenangriff zerstört wurde. Rund 2.000 Menschen passten gleich um die Ecke in die einstige Bornplatz-Synagoge. Noch heute ist der Grundriss gut sichtbar. Nur eine Synagoge wurde in der Progromnacht von den Nazis schlichtweg übersehen: die Synagoge in der Heinrich-Barth-Straße 3 - 5. Für den Oberrabbiner Joseph Carlebach, der später im Konzentrationslager noch für heimlichen Schulunterricht sorgte, ein „Fingerzeig Gottes“. Er ließ die gesamte Inneneinrichtung nach Schweden verschiffen. Die genaue Nachbildung steht heute im Hamburg Museum am Holstenwall. Als letzte jüdische Schule musste 1942 die israelitische Töchterschule in der Karolinenstraße 35 ihre Pforten schließen. Heute befindet sich dort eine Gedenk- und Bildungsstätte in Trägerschaft der Hamburger Volkshochschule.
Beste Stadtteilschule
Nach 68 Jahren 2007 zu neuem Leben erweckt wurde dagegen die Talmud Tora Schule, heute Joseph-Carlebach-Schule, im Grindelhof, die 2011 ihren 100. Geburtstag feierte. „Wir sind keine konservative Einrichtung“, betont Schulleiter Gerd Gerhard (55), „sondern offen für alle.“ Vor kurzem ist die Schule mit den kleinen Klassen von 12 bis 18 Schülern als beste Stadtteilschule Hamburgs ausgezeichnet worden. Noch ist der neue Antisemitismus, der in Berlin bereits das Fürchten lehrt, in Hamburg kaum spürbar. Trotzdem wird das Schulgelände rund um die Uhr bewacht. Rund 200 Kinder gehen inklusive der Kita in das historische Talmud Tora-Gebäude. „Nur 50 Prozent der Schüler haben einen jüdischen familiären Hintergrund. Doch alle müssen hebräisch lernen“, sagt Gerhard, der selber Katholik ist. Mit Bernhard Effertz, 69, dem Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde, die im gleichen Haus untergebracht ist, befindet sich der Rektor in ständigem Austausch. „2.500 Mitglieder verzeichnet die Gemeinde, mit großem Zulauf aus den ehemaligen GUS-Staaten“, sagt Effertz. Gern möchten Effertz und Gerhard die Schuleauf ein Unigebäude am Bornplatz ausdehnen.
Zurück zum jüdischen Rundgang. Zwei Stunden Neuland, selbst für Menschen, die im Grindelviertel leben. Kaum jemand von ihnen ahnt, dass sich zum Beispiel in der Dillstraße 15 ein jüdisches Wohnstift für alleinstehende Mütter mit Kindern befand. Hier wie vor zahlreichen weiteren Häusern hat Peter Hess Stolpersteine verlegt. Drei Stolpersteine wurden auch vor dem Haus in der Methfesselstraße 13 eingelassen, in der die Familie Parnass wohnte. Zwei Steine tragen den Namen von Peggys Eltern. Auf dem dritten Stein steht „Die Liebenden“. (geh)
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