Buddelschiffe von den Philippinen

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Der Hamburger Familienbetrieb: Eda, Sarah Jane, Jennifer, Melanie und Jochen Binikowski (v. l.) Foto: Haas
 
Wie kommt das Schiff in die Flasche? Eda Binikowski zeigt, wie es geht Foto: Haas

Jochen Binikowski hat eine Familienmanufaktur – mit Anschluss in die Ferne

Von Waltraut Haas
Winterhude
Was wäre Hamburg ohne sein maritimes Flair? Alles, was Touristen hier magisch anzieht, ist für Familie Binikowski Berufsalltag. Früher etwas versteckt in Eppendorf ansässig, findet sich „Buddel-Bini“ seit drei Jahren in der Barmbeker Straße 171. Kunden schnuppern fast Seeluft, sobald sie den Laden betreten. Friesennerze und Troyer sind hier zu haben, die klassischen Elbsegler oder Fischerhemden und allerlei Seefahrer-Zubehör. Dazu eine Vielzahl von Buddelschiffen, auch echte Raritäten: Exponate, die zuvor das Binikowski-Museum in der Schiffsbegrüßungsanlage „Willkomm Höft“ in Wedel von 1983 bis 2011 zierten. Nur hier kann man auch dabei zusehen, wie Eda Binikowski, 53, hochkonzentriert und mit ruhiger Hand das Schiff in die Flasche zaubert.
Vor 39 Jahren hatte der Malergeselle Jochen Binikowski, 61, seinen kleinen Buddelschiff-Laden am Lokstedter Weg eröffnet, nach zweijährigem Dienst beim Bundesgrenzschutz und nachdem er über fünf Monate per Motorrad in Indien unterwegs war. Schon als Kind hatte er sich den Segelschiffen in der Flasche verschrieben, infiziert von seinem Großvater. „Der war ein echter Seemann“, erinnert sich der Enkel. „Zu Beginn seiner Laufbahn heuerte er noch auf Segelschiffen an. Den zweiten Weltkrieg überstand er im Dienst auf Handelsschiffen.“ Und zu einem waschechten „Seebären“ gehörte eben auch der Buddelschiffbau. Der Enkel wurde eingeweiht in diese Kunst und machte aus dem Hobby seinen Beruf.

Eine echte Familien-Manufaktur


Bald nach Geschäftseröffnung ist der junge Selbständige auf Unterstützung angewiesen. Zunächst in Thailand, ab 1980 werden auf den Philippinen die Bausätze in aufwendiger Handarbeit vorgefertigt, per Fracht geliefert zur Endmontage in Hamburg. In Manila, in der Firma eines deutschen Geschäftsfreundes, lernt Jochen Binikowski Eda kennen – und lieben. 1981 heiratet das Paar. Drei Töchter kommen im Abstand von jeweils vier Jahren zur Welt, „immer in den Jahren der Fußballweltmeisterschaften sind wir geboren“, witzeln Melanie, 32, Jennifer, 28 und die Jüngste, Sarah Jane, 24. Die drei Schwestern gehen in Eppendorf zur Schule, reisen regelmäßig auch in die Heimat der Mutter und werden ansonsten mit Buddelschiffen groß. „Für uns war das ein fließender Übergang. Wir haben immer schon mitgeholfen und sind heute in der Lage, das Geschäft auch über längere Zeit selbständig am Laufen zu halten.“ sagt Melanie selbstbewusst. So etwa, wenn die Eltern immer mal wieder drei Monate auf den Philippinen verbringen: in Tigaon, wo Mutter Eda geboren und zusammen mit 13 Geschwistern aufgewachsen ist. In der kleinen tropischen Gemeinde beteiligen sich Familienangehörige und Einwohner seit 1983 am Buddelschiff-Bau. Inzwischen verdienen rund 50 Mitarbeiter ihren Lebensunterhalt bei den Binikowskis, beschäftigt mit der handwerklich aufwändigen Schiffsmontage.

Farmprojekt


Zugleich kümmern sich in Tigaon auch vier Mitarbeiter um das Farmprojekt der Familie. Nach einer Versuchsphase stellt es seit fünf Jahren auf 15 Hektar unter Beweis, wie nachhaltige Landwirtschaft funktionieren kann. „Die Farm trägt sich inzwischen selbst“, sagt Jochen Binikowski stolz. 2.000 junge Zitronenbäume tragen inzwischen Früchte, Gemüse-Mischkulturen wachsen unter Papayabäumen, zudem hält er Truthühner im Freiland. Alle Farmprodukte werden in einer nahen Stadt vermarktet. Auch die drei Töchter kennen die Heimat ihrer Mutter. Obwohl sie den örtlichen Dialekt als kleine Kinder schon nach kurzem fließend beherrschten, müssten sie sich heute zur Verständigung eher mit Englisch behelfen, bedauert Eda.
„Einen Nachteil hat unser Familienbetrieb“, meint Melanie. „Wir können nie gemeinsam verreisen.“ Denn Laden und Versand werden ohne Urlaubszeiten betrieben. Sie ist selbst schon Mutter von zwei Söhnen, vier und zwei Jahre alt. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ermöglichen derzeit die beiden Großmütter. „Wir machen eigentlich alles zusammen“, fährt Melanie fort, allerdings mit wachsender Arbeitsteilung. Jochen Binikowski bleibt der kreative Kopf, tüftelt gerne an neuen Modellen, Ehefrau Eda ist zuständig für die handwerkliche Umsetzung. Melanie kümmert sich um die Buchhaltung. Jennifer ist Allrounderin, ihr Mann sowie Sarah Jane bewältigen den Versand. „Und der macht heute 80 Prozent unseres Umsatzes aus“, erklärt Jochen Binikowski. Mit einem 486er PC und einem HTML-Handbuch ausgerüstet, hatte er 1998 einen Online-Shop gegründet. Seitdem werden die Buddelschiffe aus eigener Fertigung europaweit vertrieben. Ob der Firmengründer einem Grundsatz folgt? „Lieber ein kleiner Herr als ein großer Knecht“, konstatiert Jochen Binikowski zufrieden lächelnd.
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