Das Ende einer Ära

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Prägte jahrzehntelang die Ecke Alsterkrugchaussee und Maienweg: Das Anwesen der Verlegerfamilie Jahr. Foto: Biehl
 
Das rund 120 Quadratmeter große Schwimmbad. Foto: Biehl

Markante Strohdach-Villa weicht Eigentumswohnungen

Groß Borstel. Nun steht es nicht mehr: Die Alsterkrugchaussee ist wieder um ein markantes Gebäude ärmer. An der Kreuzung mit Maienweg und Alsterdorfer Damm wurde das Anwesen der bekannten Hamburger Verlegerfamilie Jahr abgerissen. Auf dem rund 4000 Quadratmeter großen Grundstück sollen Eigentumswohnungen entstehen. Über Jahrzehnte hinweg hatte das an dieser Straße einzigartige Reetdachhaus mitsamt seinen Erweiterungen das Bild des Viertels geprägt. In den letzten Jahren hatte es allerdings leer gestanden und war verfallen. Mit dem Haus „starb“ indes auch eine Legende, die sich nicht nur viele Einwohner dieser Gegend erzählen, sondern die sogar offiziell auf der Hamburg-Website verbreitet wird – an der allerdings nichts dran ist, wie das WochenBlatt jetzt herausfand. Allerdings bietet auch die Wahrheit etwas Spannung.

Max-Schmeling-Villa?

„Die deutsche Boxer-Legende Max Schmeling (28.09.1905–02.02.2005) lebte nach dem Zweiten Weltkrieg einige Jahre in einem Reetdachhaus in Alsterdorf. Es wird heute vielfach noch als ‚Schmeling-Villa‘ bezeichnet.“ So kann es auf der Website www.hamburg.de/ sehenswertes-alsterdorf/ nachgelesen werden. Abgesehen davon, dass das Grundstück auf dem Gebiet von Groß Borstel liegt – Schmeling hat dort auch nie gewohnt. „Ein solches Anwesen hätte er niemals bauen können“, sagt Heiko Stöhr, Schmelings langjähriger Vertrauter und ehemaliger Geschäftsführer der Bramfelder „Getränkeindustrie Hamburg Max Schmeling und Co. KG“, die seit 1957 Coca-Cola in Lizenz herstellte. Der Anwalt ist heute Vorstand der Max-Schmeling-Stiftung.
Das Einfamilienhaus sei unspektakulär gewesen: „Schmeling hat es immer ‚Mein kleines Hexenhaus‘ genannt“, so Stöhr.
Das stand allerdings direkt neben der Jahr-Villa, Postadresse: Maienweg 2. Schmeling, vor dem 2. Weltkrieg mehrfacher Boxwelt- und Europameister im Schwergewicht hatte sich 1946 in Hamburg niedergelassen und das Haus zu bauen begonnen.
Dabei hatte er allerdings die geltenden Bestimmungen nicht eingehalten. Das kostete ihn 10.000 Mark Geldstrafe und brachte ihn überdies für drei Monate in den Knast: „Er hat die Zeit in Santa Fu voll abgesessen“, berichtet Heiko Stöhr. Bereits 1949 verzog Schmeling nach Hollenstedt. „Spiegel“-Verleger Rudolf Augstein erwarb das Haus am Maienweg. Danach wohnte dort dann August Everding, der bis 1977 Intendant der Hamburger Staatsoper war. Nachbarn können sich erinnern, dass nach Everding auch Freddy Quinn eine Zeit lang dort gewohnt habe. Später wurde das Grundstück Maienweg 2 mit dem Jahrschen vereinigt. „Wir haben uns dort alle sehr wohl gefühlt“, erinnert sich Angelika Jahr-Stilcken im WochenBlatt-Gespräch an ihre Zeit in der Alsterkrugchaussee 286. Ihr Vater John Jahr hatte nach dem Krieg das Haus zu bauen begonnen: „Er hatte ein Faible für die norddeutsche Architektur“, erinnert sich die 71-jährige Unternehmerin. Mit dem Reetdach und dem nachempfundenen Fachwerk wirkte das Anwesen wie ein Gutshof. Auch habe ihr Vater immer gerne mal wieder etwas angebaut, so die frühere Chefredakteurin. Zuletzt hatte es wohl an die 700 Quadratmeter Grundfläche. Doch die Lage des Hauses habe auch Nachteile gehabt: „Die Alsterkrugchaussee rückte immer näher heran – ursprünglich hatten wir mal einen ganz großen Vorgarten“, erinnert sich Angelika Jahr. Und auch für die Verbreiterung des Alsterdorfer Damms habe der Verleger Land abtreten müssen. Sie selbst war schon 1960 ausgezogen. Ihr Vater starb 1991. Bis zu seinem Tod 2006 hatte noch ihr Bruder Alexander Jahr das Haus genutzt. Seine Witwe zog 2008 aus. Seither verfiel das Haus.
Mittlerweile ist das Grundstück im Besitz von Gesellschaften des Egestorfer Unternehmers Hans-Jörg Graubner. Er will hier zirka sieben Gebäude mit rund 60 Wohnungen und Tiefgarage errichten. (bcb)
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