Der Ex-Polizeipräsident im Unruhestand

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Wolfgang Kopitzsch vor einem Relief von Max Schegulla in der Martin-Luther-Kirche Foto: Gehm/wb

Wochenblatt-Interview mit Wolfgang Kopitzsch. Heute engagiert er sich ehrenamtlich

Von Dagmar Gehm
Alsterdorf
Polizisten im Ruhestand – ihren Aktivitäten scheinen keine Grenzen gesetzt zu sein. In Hamburg wechselte der ehemalige Chef der Davidwache nach seiner Pensionierung im wahrsten Sinne des Wortes die Seiten und leitete fortan das Casino Reeperbahn gegenüber vom Revier. Ganz anders der frühere Hamburger Polizeipräsident Wolfgang Kopitzsch (66). „Kirche statt Kasino“ lautet für ihn das Motto nach der aktiven Zeit im Staatsdienst. Seit 1. Januar ist er ehrenamtlicher Vorsitzender des Kirchengemeinderats der evangelisch-lutherischen Martin-Luther-Kirche in Alsterdorf.
Seit Kopitzsch 1956 in den Stadtteil zog, verbindet ihn eine besondere Nähe zu der Kirche in der Bebelallee. Nicht zuletzt, weil er hier getauft wurde und sein heute 14-jähriger Sohn in den angeschlossenen Kindergarten ging. „Zur Gemeinde zählt neben Alsterdorf auch die City Nord mit insgesamt 4.000 Mitgliedern, also ein knappes Drittel der rund 14.000 Einwohner“, sagt Kopitzsch. „Der Standort der 1963 eingeweihten Kirche mitten im Zentrum von Alsterdorf ist ideal.“ Das Wochenblatt hat im Interview mit Wolfgang Kopitzsch über seine Zeit als Polizeichef, die Sehnsucht nach der großen Bühne und die Symbiose von Kirche und Politik gesprochen.

Wochenblatt: Wie gehen Sie damit um, dass Innensenator Michael Neumann Sie im April 2014, wenige Monate nach Erreichen der Altersgrenze, verabschiedete, obwohl Sie eigentlich in die Verlängerung gehen wollten?
Wolfgang Kopitzsch: Im Nachhinein deutet man die Dinge etwas anders. Als Polizeipräsident fand ich die Aufgabe der Umorganisation der Polizei
hochinteressant und hätte die Umsetzung, für die ich die Strukturen geschaffen hatte, gern weiter begleitet.

WB: Wie gewöhnungsbedürftig war für Sie die Situation, in einer Bürgerfragestunde mit dem Bezirksamt Hamburg Nord, dessen Leiter Sie bis zur Ernennung als Polizeipräsident waren, wegen einer privaten Bebauung des Kirchengrundstücks auf Konfrontationskurs zu gehen?
Kopitzsch: Mit Bezirksamtsleiter Harald Rösler bin ich seit Jahrzehnten gut befreundet. Für mich war es sehr interessant, auf der Zuschauerbank an so einer Sitzung teilzunehmen, die ich so oft geleitet hatte. Ich habe mich sehr gefreut, Mitarbeiter wieder zu treffen und eine ganze Reihe Fraktionsabgeordneter, die man seit Jahren gut kennt und wertschätzt. Ich war in Begleitung mehrerer Mitglieder der Kirchengemeinde, die sehr erstaunt waren, wen ich alles kannte.

WB: Hatten Sie ein bisschen Wehmut?
Kopitzsch: Sicher. Trotzdem kann ich auf den einstigen Stress gut verzichten. Als ich in den Ruhestand ging, wollte ich nicht mehr vom Terminkalender getrieben werden. Obwohl es eine Menge Anfragen gab, war ich entschlossen, alles etwas zu reduzieren, um mich ganz in Ruhe jenen Aufgaben zu widmen, mit denen ich mich identifizieren kann. Wie dem ehrenamtlichen Vorsitz des Fördervereins Altenzentrum Ansgar, den ich bereits seit 2010 innehabe. Außerdem bin ich Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat des Polizeimuseums Hamburg.

WB: Sie haben keine Sehnsucht nach der großen Politik und Auftritten in der Öffentlichkeit?
Kopitzsch: Parteipolitisch halte ich mich relativ zurück. Allerdings betreue ich als Vorsitzender der AG ehemals verfolgter Sozialdemokraten der SPD Hamburg Angehörige von Menschen, die im Dritten Reich und in der ehemals sowjetischen Besatzungszone verfolgt wurden. Mein eigener Vater gehörte dazu. Nur mit viel Glück konnte er 1948 über die DDR-Grenze fliehen.

WB: Kirche und Politik. Können Sie sich als engagierter Kirchenvorsitzender und Ex-Politiker eine Symbiose vorstellen?
Kopitzsch: Gesellschaftliches Engagement ist unverzichtbar für die Demokratie. Zum Beispiel im Umgang mit Flüchtlingen und Menschen in Not kann die Politik einiges tun. Aber gefragt sind Menschen. Das ist genau die Rolle, die die Kirche jetzt begreift. Ihre Kernaufgabe ist es, sich um Menschen zu kümmern. So beschäftigt sich auch die Martin-Luther-Kirche gerade damit, wie sie die Flüchtlingshilfe umsetzen kann. Die Politik muss lernen, dass man Partner braucht.
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