Die Hamburger Seelen-Retter bei Schicksalsschlägen

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Machen freiwillig einen harten Job: Die ehrenamtlichen Mitarbeiter vom Kriseninterventionsteam Fotos: KIT/wb

308 Einsätze absolvierte das Hamburger Kriseninterventionsteam im vergangenen Jahr

Von Klaus Schlichtmann
Hamburg. Sie werden gerufen, wenn eine Lautsprecher-Durchsage die Wartenden auf dem S-Bahnsteig darüber informiert, dass bis auf weiteres ein Schienenersatzverkehr eingerichtet wird, weil es auf einem Abschnitt angebliche technische Probleme gibt – und man doch ahnt, dass es wieder ein Suizid auf den Gleisen war. Sie werden alarmiert, wenn es schwere Unfälle mit Toten und Verletzten gab und schockierte Augenzeugen, die alles mit ansehen mussten. Sie begleiten die Polizei auf dem schweren Weg zu Angehörigen, um die Todesnachricht zu überbringen. Es ist ein besonderes Ehrenamt, das die knapp 40 Männer und Frauen vom Kriseninterventionsteam Hamburg (KIT) ausüben. Ein besonders schweres!
„Persönliche Stabilität und die Fähigkeit, auf Menschen einzugehen und gut zuhören zu können“, beschreibt Olav Meyer-Sievers (56) vom KIT-Team zwei wesentliche Voraussetzungen für diese harte Aufgabe. Der freiberufliche Kommunikations-Berater ist seit acht Jahren dabei. Bei seinem ersten Einsatz konnte er vor Aufregung kaum das DRK-Einsatzfahrzeug lenken. Meyer-Sievers erinnert sich:

„Meist ist jemand gestorben“

„In einer Grundschule war ein Mädchen während des Unterrichts zusammengebrochen. Ich kümmerte mich damals mit einer Kollegin um die schockierten Klassenkameraden.“
Es war zum Glück nur ein Krampf-Anfall, wie sich wenig später herausstellte. Solch ein glimpflicher Ausgang ist die Ausnahme. „Meist ist jemand gestorben, wenn wir kommen“, sagt Michaela Pischke (53), Religions-Pädagogin aus Langenhorn. „Und dann gibt es immer Menschen im Umfeld, die betroffen sind, die in den ersten Stunden menschliche Zuwendung und psychologische Unterstützung brauchen - traumatisierte Angehörige, schockierte Augenzeugen, fassungslose Freunde“.

„Auch Lorenz‘ Freunde im Ruderverein waren geschockt, ebenso seine Mitschüler.“ Olav Meyer-Sievers
Allein im vergangenen Jahr wurden in Hamburg bei 308 Einsätzen 1.630 Menschen durch das Team der „psychosozialen Notfall-Versorgung“ betreut. Auf gut Deutsch könnte man auch sagen: die ehrenamtlichen Helfer von KIT leisteten in allen Fällen Erste Hilfe für die Seele.
Manchmal allein schon durch ihre Anwesenheit als Zuhörer, in anderen Fällen durch einfühlsame Gespräche und menschliche Nähe bis hin zur Vermittlung an professionelle Therapeuten und Psychologen. Beim tragischen Tod des 13-jährigen Lorenz, der im April letzten Jahres mit seinem Boot auf der Alster kenterte und ertrank, waren es nicht nur die Eltern, die tagelang durch das KIT-Team betreut wurden. Olav Meyer-Sievers: „Auch Lorenz‘ Freunde im Ruderverein waren geschockt, ebenso seine Mitschüler.“
Im Einsatz waren die KIT-Helfer jüngst auch, als bei einem Brand in der Eimsbüttler Straße eine junge Mutter mit ihren zwei Kindern ums Leben kam. Oder im vergangenen Jahr, als der siebenjährige Effi aus Harburg beim Training von einem Fußballtor erschlagen wurde. Selbst beim Elbhochwasser im vergangenen Sommer waren sieben ehrenamtliche Mitarbeiter von KIT in Sachsen-Anhalt dabei, um den Menschen zur Seite zu stehen, die ihr Hab und Gut verloren hatten. Die Männer und Frauen vom Kriseninterventionsteam sind zwischen 27 und 70 Jahre alt und kommen aus allen Berufsschichten.
„Wir haben Hausfrauen ebenso dabei wie Studenten, Versicherungs-berater oder Kfz-Mechaniker“, erklärt Meyer-Sievers. Besondere psychologische Erfahrungen hatten die meisten von ihnen nicht, als sie zu KIT kamen.
Olav Meyer-Sievers: „Vor dem ersten Einsatz gab es für die Neuen unter uns an sieben Wochenenden einen Ausbildungs-Lehrgang, in dem unter anderem notfall-medizinisches und psychologisches Grundlagenwissen für die KIT-Tätigkeit vermittelt wurden.“ An zwei Tagen im Monat, jeweils von 19 bis 19 Uhr und geregelt in einem ausgetüffelten Dienstplan, hat jeder KIT-Mitarbeiter im Wechsel mit den Kollegen „Alarmbereitschaft“. Wenn während dieser Zeit dann das  Notfall-Telefon klingelt, ist wieder etwas Schlimmes passiert - und ein Team, bestehend aus zwei KIT-Helfern, macht sich auf den Weg, um einfach da zu sein bei den Menschen, die jetzt seelische Hilfe brauchen ...
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